Textarchiv
Im Textarchiv finden sich Artikel, Beiträge, Interviews etc., die im Kontext der Fachschaftsarbeit entstanden sind. Wir danken allen Autoren und Autorinnen für die Bereitstellung ihrer Artikel.
"Vergessene" Autorinnen der Romania
Wintersemester 2025/26
In Abitur-Leselisten wie auch in literaturwissenschaftlichen Seminaren an den Universitäten dominieren bis heute Werke männlicher Autoren. Zahlreiche Schriftstellerinnen hingegen sind lange Zeit übersehen oder bewusst an den Rand gedrängt worden. Diese Reihe möchte ihnen eine Bühne geben: Vorgestellt werden wichtige Autorinnen der Romania und ihre Werke – in Beiträgen, die von Mitgliedern der Fachschaft verfasst wurden und ganz unterschiedliche literarische Schwerpunkte durch eine studentische Perspektive setzen. So entsteht ein Panorama, das die Vielfalt weiblichen Schreibens sichtbar macht und vielleicht schon Impulse für künftige Lektüren und Unterrichtspraxis liefert.
Anna de Noailles
Wenn man sich mit französischer Literaturgeschichte beschäftigt, dann fallen einem so einige Namen ein, die die Zwischenkriegsjahre (1918-1939), die vom wirtschaftlichen Aufschwung der „Années Folles“ und der „Grande Dépression“ durch die Weltwirtschaftskrise geprägt wurden, beeinflusst haben: Marcel Proust, Paul Élouard oder André Breton. Weibliche Schriftstellerinnen rücken dabei, vielleicht mit Ausnahme von Colette, in den Hintergrund.
Gab es in dieser Zeit tatsächlich keine bedeutenden Schriftstellerinnen? Dies erscheint umso erstaunlicher, als die Frauenbewegung ab den 1870er-Jahren bereits den Zugang zu Bildung erleichtert hatte und der Erfolg von Autorinnen wie George Sand – wenn auch unter männlichem Pseudonym – oder der für die deutsche Romantik prägenden Germaine de Staël viele Frauen zum Schreiben ermutigte.
Es stimmt, dass viele Autorinnen nach dem Ersten Weltkrieg aufhörten, zu schreiben. Zu schlimm war das Erlebte, zu tief saß noch der Schmerz, gerade in Frankreich, das die kriegerischen Ereignisse in direkter Weise zu spüren bekam, so könnte man zumindest meinen.
Doch in Wahrheit haben sich durch den Krieg und den damit zusammenhängenden gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen die Arbeits- und Produktionsbedingungen für Schriftstellerinnen verändert.
In dieser Zeit schrieb, trotz all dieser Umstände, Anna de Noailles. Bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts veröffentlichte sie ihre Texte, doch die wichtigsten ihrer Werke wurden in den Zwischenkriegsjahren geschrieben und veröffentlicht.
Es ist wichtig zu betonen, dass Anna de Noailles als reiche, gebildete und gut vernetzte Frau ein Paradebeispiel für die Privilegien darstellt, die vielen Frauen ihrer Zeit fehlten und ihnen eine schriftstellerische Betätigung erschwerten. Als Anna-Elisabeth Bibesco Bassaraba de Brancova wurde sie 1876 als Tochter einer rumänischen Adelsfamilie in Paris geboren, wo sie auch aufwuchs. Bereits im Alter von dreizehn Jahren schrieb sie ihre ersten Gedichte. Ihre Mutter, die Pianistin Ralouka Bibesco-Bassaraba, vermittelte ihrer künstlerisch begabten Tochter eine besondere Sensibilität für Musik und Sprache. Der frühe Tod ihres Vaters 1886 prägte sie zudem stark.
Ihre Lyrik zeichnet sich durch eine gewisse Traurigkeit und Verträumtheit aus, die in der Forschung gerne in einen Zusammenhang mit dem frühen Tod ihres Vaters gesetzt wird. Sie lässt sich nicht in die populären neuen Strömungen der Zeit wie etwa den Surrealismus André Bretons einordnen; vielmehr scheint die Gefühlsbetontheit in ihrem Zusammenspiel mit einer Vielzahl an Naturbezügen ein Echo der romantischen Strömung zu sein, was v. a. eine deutschsprachige Rezeption erschwerte. Kein Verlag wollte die von Erika Mitterer übersetzten Gedichte kaufen; sie schienen zu altmodisch und der Zeit nicht angemessen.
In ihrer Dichtung beschäftigt sie sich zwar mit zeitgenössischen Themen und nimmt Bezug auf den philosophischen und wissenschaftlichen Diskurs der Zeit, folgt aber bis in die 1930er Jahre dem klassischen Versmaß und Reimschema. Thematisch orientiert sie sich an Körperlichkeit, Liebe und Begehren, aber auch an Natur und Tod, immer mit starkem Bezug zur französischen Romantik, die durch die Vermittlung Germaine de Staëls eher an den deutschen Sturm und Drang als an die deutsche Romantik erinnert. Auch die Melancholie verließ ihr schriftstellerisches Werk nie.
1897 heiratete die Dichterin den Grafen Matthieu de Noailles und bekam mit ihm einen Sohn. Anders als bei vielen anderen Schriftstellerinnen war ihre künstlerische Karriere dadurch jedoch nicht beendet. Im Gegenteil: 1901, vier Jahre nach der Hochzeit, veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband Le cœur innombrable (Calmann Lévy), der mit Begeisterung aufgenommen wurde. Bedeutende Schriftstellerinnen der Zeit, u. a. Marcel Proust und Colette, aber auch Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens wie die Opernsängerin und „erste Diva“ Sarah Bernhardt, waren von ihren Versen begeistert. Jean Cocteau fertigte ihr zu Ehren sogar eine Zeichnung an.
Ihr sozialer Stand und ihr Umgang mit vielen wichtigen Personen ihrer Zeit sorgten schnell dafür, dass sie eher als Persönlichkeit des gesellschaftlichen Lebens denn als Schriftstellerin wahrgenommen wurde. Sie selbst trug zu diesem Bild in der öffentlichen Wahrnehmung durch Kleidung und Schmuck bei und wusste sich gezielt als sinnliche Poetin in Szene zu setzen. So wurde sie zwar in der Öffentlichkeit viel diskutiert, jedoch nicht wegen ihrer Kunst, sondern aufgrund ihrer gesellschaftlichen Inszenierung. Es überrascht daher nicht, dass sie zwar eine populäre Dichterin war, die literarische Qualität ihrer Gedichte aber angezweifelt und von Teilen der Gesellschaft sogar gänzlich abgelehnt wurde.
Anna de Noailles starb 1933 nach langer Krankheit. Nach ihrem Tod wurde sie schnell vergessen. Heute wird sie zum Teil als „vergessene Poetin“ wiederentdeckt, jedoch nicht großflächig rezipiert. Dabei stehen ihre Gedichte eigentlich für sich selbst, wie „L’automne“ von 1901 beweist:
L‘automne
Voici venu le froid radieux de septembre : Le vent voudrait entrer et jouer dans les chambres ; Mais la maison a l’air sévère, ce matin, Et le laisse dehors qui sanglote au jardin.
Comme toutes les voix de l’été se sont tues ! Pourquoi ne met-on pas de mantes aux statues ? Tout est transi, tout tremble et tout a peur ; je crois Que la bise grelotte et que l’eau même a froid.
Les feuilles dans le vent courent comme des folles ; Elles voudraient aller où les oiseaux s’envolent, Mais le vent les reprend et barre leur chemin Elles iront mourir sur les étangs demain.
Le silence est léger et calme ; par minute Le vent passe au travers comme un joueur de flûte, Et puis tout redevient encor silencieux, Et l’Amour qui jouait sous la bonté des cieux
S’en revient pour chauffer devant le feu qui flambe Ses mains pleines de froid et ses frileuses jambes, Et la vieille maison qu’il va transfigurer Tressaille et s’attendrit de le sentir entrer.
(Anna de Noailles: L’automne. In: (Dies.): Le cœur innombrable. Paris 1901, S. 83f. Digitalisiert durch die BNF: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1097843.pdf )
Vera Leisinger studiert Lehramt für Gymnasien mit den Fächern Französisch, Deutsch und Englisch an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seit 2023 ist sie in der Fachschaft Romanistik tätig.
Queere Stimmen in den Künsten der Gegenwart
Sommersemester 2025
Bereits in den 1990er-Jahren kündigte Eve Kosofsky Sedgwick, eine der renommiertesten Stimmen der Queer Studies, an, dass eine queere Zeit angebrochen sei. Inmitten eines erstarkenden Nationalismus und rechten Konservatismus erscheint eine Erneuerung dieses Zuspruchs mehr als notwendig. „Queer“, ein selbstbewusster Begriff gegen Heteronormativität und Diskriminierung jeglicher sexueller Orientierungen, ist ein Kampfspruch für mehr Toleranz und Freiheit geworden, der Menschen eint und zusammenbringt. In dieser Reihe werden Interviews und kurze Texte mit queeren Künstler*innen der Gegenwart präsentiert, um zu zeigen, dass queere Kunst die Vielfalt und Buntheit der heutigen Gesellschaft auffangen und verarbeiten kann.
Queer Reading- eine Methodologie Lisa Hellmann im Gespräch mit Simon Prahl
SP: Sie arbeiten im Projekt „Queer Reading – eine Methodologie. Deutsche Literatur im Zeitalter des Paragraphen 175 (1872-1994)“, das von Prof. Dr. Andreas Kraß geleitet wird. Können Sie kurz beschreiben, welche Ziele das Projekt hat und wie sich eine ‚queere Methodologie‘ im Kontext literaturwissenschaftlicher Studien ausdifferenziert?
LH: Queer Reading ist ein Methodenspektrum, das keinesfalls neu ist, denn es gibt diesen Forschungsdiskurs seit über 30 Jahren, vor allem im englischsprachigen Bereich. Wir versuchen in unserem Projekt, methodologische Probleme zu eruieren und Queer Reading stärker zu theoretisieren. Es fehlt bisweilen eine systematische Methodologie, insbesondere in der deutschsprachigen Germanistik. Wir versuchen deswegen (1.) einen Forschungsüberblick auszuarbeiten und orientieren uns an den methodologischen Entwicklungen vor und nach Eve Kosofsky Sedgwicks wegweisender Monografie Between Men Mitte der 1980er-Jahre. Es ist allerdings festzustellen, dass es auch schon früher Sammlungsprojekte gab, in denen von Menschen ‚queere‘ Texte zusammengestellt wurden. Weiterhin beschäftigen wir uns (2.) mit der Frage, was ein ‚queerer Text‘ überhaupt ist und wie das Leseverhalten solcher Texte aussehen kann, sprich: Wie kann man ‚queer lesen‘? Weiterhin ist natürlich zu betonen, dass die Queer Studies auf etablierte literaturwissenschaftliche Methoden wie den Dekonstruktivismus oder die Diskursanalyse zurückgreifen, aber neue Schwerpunkte in den Vordergrund rücken. Uns geht es im Forschungsprojekt in diesem Kontext auch darum, deutlich zu machen, auf welche literaturtheoretischen Prämissen Queer Reading zurückgreift. Queer Readings können an allen Ebenen der literaturwissenschaftlichen Analyse ansetzen, wie der Figurenanalyse, Ästhetik etc. Der letzte Schwerpunkt unseres Projekts ist (3.) konkrete Beispiellektüren anzubieten, in denen Texte zwischen 1872 und 1994 analysiert werden. Wenn wir davon ausgehen, dass diese Texte unter heteronormativen Bedingungen geschrieben wurden, dann geht es uns darum, zu reflektieren, auf welche Weise sich diesen Texten aus einer queertheoretischen, also heteronormativitätskritischen Perspektive angenähert werden kann.
SP: Inwieweit sollte der queer-Begriff, dessen Stoßrichtung eher politisch bzw. politisierend ist, für die Literaturwissenschaft modelliert bzw. nuanciert werden, um literarische Felder wie Ästhetik, Fiktionalität und Hermeneutik abzudecken.
LH: Es gibt einerseits einen ‚alltäglichen‘ queer-Begriff, also eine Art Sammelbegriff für verschiedene Identitäten, also für nicht normative Identitäten bzw. Positionierungen. Wenn wir von Texten reden, wird zumindest für mein Verständnis eine andere Dimension des Begriffs wichtiger und zwar queer als Verb gelesen. Es geht demnach nicht darum, in Texten z. B. lesbische Figuren zu suchen oder Narrative aufzudecken, die als ‚lesbisch‘ klassifiziert werden können. Ein produktiverer Blick ist eher, das Verhältnis von queer und heteronormativ zu fokussieren und aus diesem Gegenpaar Heteronormativität kritisch zu reflektieren und zu dekonstruieren. Es geht demnach nicht nach der Suche nach ‚homosexuellen Subtexten‘, sondern darum, wie mit Normen, insbesondere binären Vorstellungen von Sexualität und Geschlecht, in einem Text umgegangen wird und wie sich dies in den Texten äußert. Gleichzeitig geht es nicht darum, den Begriff völlig zu entpolitisieren. Queer Reading kann ein Instrument sein, um Machtverhältnisse in literarischen Texten oder im literarischen Feld zu analysieren. Verstanden als Lektürehaltung von Queers kann es auch im Sinne eines queer world-making eine Praxis sein, sich in Kontexte, beispielsweise die Literaturgeschichte, einzuschreiben, in denen queere Positionen unterrepräsentiert sind.
SP: Inwieweit sind queere Lektüren klassischer bzw. vormoderner Texte legitimierbar, obgleich das Konzept von queerness ein modernes ist?
LH: Wichtig ist es, sich zu vergegenwärtigen, dass es beim Queer Reading nicht darum geht, Texte, Figuren oder Autor*innen als queer oder nicht zu klassifizieren. Es geht nicht darum, heutige Verständnisse von sexueller oder geschlechtlicher Identität auf historische Texte zu projizieren – das wäre in der Tat ahistorisch. Queer Reading interessiert sich für Ambivalenzen und Widersprüche und insbesondere solchen Textstellen, die sich einer eindeutigen Sinnbildung entziehen. Mit ihrem dekonstruktivistischen Potenzial können Machtverhältnisse und Normen in den Blick genommen werden, wir können beispielsweise fragen, welche diskursiven Normierungs- und Normalisierungsprozesse in Texten stattfinden und auf welche zeithistorischen Diskurse sich diese beziehen – wie sie vielleicht auch destabilisiert oder unterwandert werden.
SP: In Ihrer Dissertation erforschen Sie ästhetische Dimensionen der literarischen Ko-Konstruktion von Jüdischem und nicht-heteronormativer Sexualität in den Zeitschriften der ersten queren Emanzipationsbewegung (1890-1933). Können Sie etwas zu ihren bisherigen Erkenntnissen berichten?
LH: Ein Hauptteil meiner Arbeit bestand darin, die Fülle an literarischen Texten, die in den queeren Zeitschriften der Weimarer Republik und des Kaiserreichs erschienen, überhaupt erst einmal zu sichten. Das sind hunderte meistens kürzere Texte. Ich habe mich gefragt, auf welche Art und Weise und welche Vorstellungen von Jüdischem hervorgebracht werden und bin mit einem sehr breiten Begriffsverständnis herangegangen. Tatsächlich habe ich aber kaum Textbelege gefunden. Das ist durchaus überraschend, denn zu dieser Zeit war der homophobe und antisemitische Diskurs von Homosexualität als ‚jüdischer Sexualität‘ durchaus verbreitet und ich hätte erwartet, dass eine Auseinandersetzung damit stattfindet. Auch als solche erkennbare jüdische Autor*innen sind in den queeren Zeitschriften stark unterrepräsentiert. Dafür kann es viele Gründe geben – vielleicht war es Autor*innen nicht wichtig, Jüdischsein zu thematisieren (so wie auch christliche Autor*innen nicht zwangsläufig ‚christliche‘ Themen aufnehmen – und dies von ihnen auch nicht erwartet wird). Möglich ist aber auch, dass dies am Publikationsumfeld liegt, denn in manchen queeren Zeitschriften finden sich antisemitische Auslassungen. Was ich mir in der Arbeit nun genauer anschaue, sind literarische Figurationen ewiger Wanderschaft, wie etwa Ahasver, der sogenannte ‚Ewige Jude‘.
SP: Welche Lektüren und Autor*innen gehören für Sie in einen ‚queeren Kanon‘ hinein?
LH: Keine leichte Frage, auch weil Kanones selbst normative Instrumente sind. Die queeren Zeitschriften aus Kaiserzeit und Weimarer Republik finde ich auch unter der Kanonfrage spannend. Es gab darin immer wieder Versuche, eine eigene, heute würden wir sagen queere, Literaturgeschichte zu schreiben. Dafür wurden Texte von kanonisierten Autor*innen wie Friedrich Schiller und Anette von Droste-Hülshoff herangezogen oder Zeitgenoss*innen wie Thomas Mann und N. O. Body für sich reklamiert. Daneben erschienen in den Zeitschriften eine schier unendliche Fülle offen queerer Texte, deren Autor*innen heute niemand mehr kennt. Auch sie gehören für mich in einen queeren Kanon, auch wenn sie nicht im eigentlichen Sinne kanonisiert sind.
Impressionen zu Queer (2024) mit Paulina Albrecht und Lara Potyra
Queer (2024) ist ein Film von Luca Guadagnino, der auf dem gleichnamigen Roman von William S. Burroughs basiert. Für William Lee (Daniel Craig), der nach Mexiko geflohen ist, ist die dortige Queer-Szene ein Möglichkeitsraum, um seine Sexualität und Identität entfalten zu können. Eines Abends macht Lee die Bekanntschaft mit dem jungen Eugene Allerton (Drew Starkey), zu dem er sich direkt hingezogen fühlt. Die Beziehung, die sich im Verlauf des Filmes anbahnt, ist unklar und Lee fragt sich, ob Allerton ihn bloß ausnutzt oder auch selbst queer ist. Um herauszufinden, ob Allerton die gleichen Gefühle hat wie Lee, begeben sich beide in den ecuadorianischen Dschungel, um nach einer Pflanze (Yage) zu suchen, die eine telepathische Wirkung entfalten würde. Dort besuchen sie eine im Dschungel lebende US-amerikanische Botanikerin, die sich seit Jahren mit dieser Pflanze beschäftigt. Lee und Allerton lassen sich hypnotisieren – die Wirkung dieser Pflanze wird beide prägen. Dieses Gespräch zwischen Paulina Albrecht und Lara Potyra berichtet über erste Impressionen beim Sichten des renommierten Films.
PA: Mit welchen drei Wörtern würdest du den Film umschreiben? Und wie präsentiert sich eine queere Ästhetik innerhalb des Films?
LP: Surreal, düster, einsam. Zur queeren Ästhetik möchte ich Luca Guadagnino, den Regisseur des Films, über den wir sprechen, zitieren. Er sagt beispielsweise: „I think every great movie is gay. There is not a great movie that is not gay if it’s great or at least queer.“ Guadagnino erklärt noch, dass es nicht um queer im Sinne von sex oder gender geht, sondern „in a sense that is all about really like being off the center of things and actually complete oblique and broken“. Für mich lässt sich daher bei ihm queere Ästhetik vor allem körperlich denken, und zwar wie er mit Körpern umgeht, und diese inszeniert, insbesondere aber auch wie sie miteinander interagieren. Die queere Ästhetik des Films zeigt sich insbesondere in der Körperlichkeit und der körperlichen Entgrenzung.
PA: Die Körperlichkeit geht auch immer mit der Mehrdimensionalität des Films einher, die wir in der Verwendung von wiederkehrenden Metaphern oder Symbolen entdecken. Der Tausendfüßler ist auch in der Literatur von William S. Burroughs ein chiffriertes Motiv, welches in vielen seiner Texte vorkommt und immer etwas mit Sexualität, Körperlichkeit und Sinnlichkeit zu tun hat. Aber auch die Schlange, die sich selbst frisst, taucht im Film auf. Die Schlange, so verstehe ich es jedenfalls, drückt das repetitive Verhalten von Lee aus, aus dem er nicht rauskommt: Er ist und bleibt einsam, zerstört sich selbst. Diese Schlange, vermutlich als Anspielung an die ägyptische Bildsymbolik (Ouroboros) zu verstehen, steht demnach für die zerstörerische Kraft der Wiederholung, also in dem Sinne, dass Lee in diesem selbstzerstörerischen Kreis hängen bleibt und sich selbst frisst.
LP: Diese starke Symbolhaftigkeit hat den Film für mich schwer zugänglich gemacht, aber ich stimme dir zu, dass Körperlichkeit und groteske Darstellungen miteinander verbunden werden. So gibt es beispielsweise eine Szene, die mir sehr eindrücklich in Erinnerung geblieben ist, in der die beiden Körper von Lee und Allerton miteinander auf fließende Weise verschmelzen. Um auf das Symbol der Schlange zurückzukommen, finde ich auch, dass sie die Unausweichlichkeit, in der sich Lee befindet, zeigt. Er ist gefangen in seiner Einsamkeit und schafft es nicht wirklich zu den Leuten durchzudringen. Um auf den Aspekt der queeren Ästhetik zurückzukommen, will ich noch erwähnen, dass auch hier die Musik eine große Rolle spielt. Für mich war die Musik sehr hypnotisch. Nirvana, eine Band, die schon früh Gleichgeschlechtlichkeit und sexuelle Freiheit in ihren Songs propagierten oder Sinéad O’Connor, die in ihrem Cover-Song „All Apologies“ singt: „Everyone is gay.“ Diese musikästhetische Unterlegung des Films trägt zu einem gesamtheitlichen Eindruck bei, der queer verständlicher macht.
PA: Ich möchte noch einmal auf die Besetzung zu sprechen kommen. Wie findest du Daniel Craig, den wir ja sonst alle aus James Bond kennen. Schafft er es, queerness in seiner Rolle zu verkörpern?
LP: Ich bin begeistert von der Besetzung, denn Craig hat viel aus der ambivalenten und komplexen Rolle rausholen können. Mir gefällt vor allem der Kontrast, den du angesprochen hast: einerseits ist Craig in James Bond sehr heterosexuell, wenn nicht heteronormativ. Und in Queer ist er das komplette Gegenteil, er verkörpert einen älteren queeren Mann. Das hat für mich zeigen können, wie vielversprechend und wandelbar Craig als Schauspieler ist.
Queering Jewishness in Medien und Film Véronique Sina im Interview mit Paulina Albrecht
Dr. Véronique Sina ist Film- und Medienwissenschaftlerin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Dort führt sie seit Oktober 2022 das von der DFG geförderte Forschungsprojekt „Queering Jewishness – Jewish Queerness, Diskursive Inszenierungen von Geschlecht und ‚jüdischer Differenz‘ in (audio-)visuellen Medien“ durch. Im Juni 2025 findet in Frankfurt am Main ein interdisziplinärer Workshop im Jüdischen Museum Frankfurt zur Jewish Visual Culture statt. Gerade bereitet sie sich für eine Gastdozentur und die Vertretung der W3-Professur Filmwissenschaft am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin vor. In diesem Interview gibt sie Einblicke in ihr Forschungsprojekt, spricht von medialen Darstellungen von Queerness, Geschlecht und Jüdischsein und schlägt eine Brücke zwischen diesen Kategorien.
PA: Ihr DFG-Forschungsprojekt befindet sich an der Schnittstelle zwischen Medienwissenschaft, Visual Studies, Jewish Cultural Studies und Queer Theory. In ihrer Projektbeschreibung heißt es, dass „Jewishness und Queerness als intersektionale, miteinander verwobene Kategorien“ betrachtet werden können. Was verstehen Sie in Ihrer Forschung unter dem Begriff ‚queer‘ und weiterhin unter Queering Jewishness?
VS: Queer nehme ich in meiner Forschung zunächst als kritische bzw. analytische sowie als eine offene und bewegliche Kategorie wahr. Das heißt, ich reduziere queer als Kategorie nicht ausschließlich auf Aspekte der sexuellen Orientierung und Sexualität, sondern verstehe sie mehr in einem breiten offenen Sinn als etwas Unabgeschlossenes, Widerständiges und Uneindeutiges. Dies kann – je nach Kontext – negativ oder positiv konnotiert sein. Einen besonderen Fokus lege ich in meiner Forschung auf die intersektionale Verzahnung von ‚Queerness‘ mit ‚Jewishness‘, also mit jüdischer Identität. Deswegen lautet der Titel meines Projekts auch „Queering Jewishness – Jewish Queerness“. Es geht ganz oft in den kulturwissenschaftlich ausgerichteten jüdischen Studien um die Frage, was überhaupt jüdische Identität ist, also was ‚Jüdischsein‘ bedeutet und wie sich ‚das Jüdische‘ definiert. Bisher habe ich allerdings in der mir bekannten Forschungsliteratur noch keine befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden. Vor allem nicht aus einer Perspektive, die auch Gender bzw. Queerness und den Aspekt der Intersektionalität mitdenkt. Da fehlt also etwas und hier möchte ich mit meiner Forschung ansetzen. In meinem Forschungsprojekt untersuche ich, welche gängigen (normativen) Vorstellungen von Judentum und ‚Jüdischsein’ in audiovisuellen Medien wie Comic, Film, TV oder Kaikatur hergestellt und verhandelt werden und welche Rolle hierbei die Kategorien Gender, Race, Körper und Queer spielen. Ich möchte u. a. das Instrumentarium der Gender und Queer Studies nutzen, um die ‚Uneindeutigkeit‘, die auch Jewishness zu einem gewissen Grad kennzeichnet, greifbar und analytisch fassbar zu machen. Denn in einer nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft gilt ‚das Jüdische‘ als das von der Norm abweichende, als etwas ‚anderes‘, das – ähnlich wie queer – nicht den he-
gemonialen Wert- und Weltvorstellungen entspricht.
PA: Sie haben uns im Vorfeld dieses Interviews gesagt, dass sie jüdisch sind, aber nicht queer. Mich interessiert auch, wie sie auf dieses Forschungsfeld gekommen sind. Was hat Ihr Interesse daran geweckt, dass Sie Queerness mit dem Jüdischsein verbinden?
VA: Mir war es wichtig, ein Projekt zu machen, das mich persönlich sehr interessiert, v. a. die Frage nach der kulturellen jüdischen Identität. Außerdem war es mir wichtig, meinen Schwerpunkt in den Gender und Queer Studies weiter zu verfolgen. Bereits in meiner Dissertationsschrift zu Comicverfilmungen habe ich mich mit der Frage nach der medialen Konstruktion von Gender beschäftigt. Jewishness hat immer auch etwas mit Gender zu tun. Denn sobald wir uns Bilder ‚des Jüdischen‘ anschauen, ist immer ein Moment der Vergeschlechtlichung gegeben, und das ganz unabhängig vom jeweiligen Medium. Dieser Moment der Vergeschlechtlichung ist leider oftmals mit der diskriminierenden Zuschreibung von Jewishness als Form sexueller Devianz verbunden, also mit der Re-Produktion von geschlechtlich kodierten antisemitischen Stereotypen.
PA: Meine nächste Frage zielt auf Ihre eigene religiöse Identität ab. Das Christentum tut sich auch heute noch schwer damit, Queerness und Homosexualität nicht als verwerflich zu verstehen, so gilt gelebte Homosexualität immer noch als sündhaft. Gibt es solche Debatten auch in der jüdischen Glaubensgemeinschaft?
VS: Wenn es um das Thema der Religiosität geht, ist das Judentum sehr vielfältig. Von orthodox, konservativ oder ultraorthodox bis zu liberal gibt es die verschiedensten Strömungen. Dementsprechend komplex und divers ist auch die innerjüdische Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität. In meiner Forschung fokussiere ich allerdings nicht den Aspekt der Religion. Mir geht es vielmehr um kulturelle jüdische Identität und die Frage, welche Bilder von ‚Jüdischsein‘ in Kunst und Medien transportiert werden. Man muss nicht religiös sein, um sich selbst als jüdisch zu definieren oder definiert zu werden. Jüdischsein ist, ähnlich wie die Kategorie queer, etwas, das einem auch von außen zugetragen bzw. zugeschrieben wird. Und diese Zuschreibung, was im Allgemeinen unter ‚jüdisch‘ verstanden wird, ist im deutschsprachigen Raum oftmals reduziert auf den Aspekt vom Judentum als Religion. Ich persönlich definiere mich zum Beispiel nicht als religiöse, sondern als säkuläre Jüdin und bin auch nicht religiös erzogen worden. Ich mache aber immer wieder die Erfahrung, dass Judentum oder ‚das Jüdischsein‘ mit Religion gleichgesetzt wird und ganz viele Aspekte dabei ausgeschlossen werden.
PA: Sie haben gerade eben auch schon gesagt, und das habe ich auch so aus Ihrer Forschung entnehmen können, dass Sie geschlechtlich kodierte Vorstellungsbilder von ‚Jüdischsein‘ in den audiovisuellen Medien analysieren. Welche zentralen Narrative oder Stereotype gegenüber queeren jüdischen Personen lassen sich historisch nachzeichnen?
VS: Gesellschaftliche Bilder ‚des Jüdischen‘ sind von hartnäckigen, historisch gewachsenen Stereotypisierungen geprägt. So ist auch die historisch weit zurückreichende Vergeschlecht-
lichung ‚des Jüdischen‘ von antisemitischen Vorstellungsbildern durchzogen, die in zeitgenössischen künstlerisch-medialen Repräsentationen ‚des Jüdischen‘ immer wieder zum Vorschein kommen. Ich spreche deswegen von Vorstellungsbildern, weil sie nicht den realen Bildern entsprechen, sondern den Vorstellungen in unseren Köpfen, die ganz oft, gerade in Deutschland, geprägt sind von medialen Bildern, da die Meisten im realen Leben noch nie einem Juden oder einer Jüdin begegnet sind, wobei das in Frankfurt wahrscheinlich noch ein bisschen anders ist, weil es hier eine große Jewish Community gibt. Das heißt, die Vorstellung dessen, was ‚jüdisch‘ sein soll, ist gerade in Deutschland über Medien und ihre Bilder geprägt. Und diese Bilder sind ganz oft bestückt mit Stereotypen, die eine antisemitische Tradition aufweisen. Es können auch positive Stereotype sein. Wie etwa die positiv konnotierte, aber dennoch nicht minder stereotype Vorstellung des besonders belesenen und intellektuellen Juden. Ein wiederkehrendes antisemitisches Stereotyp von
jüdischer Männlichkeit ist beispielsweise der sowohl körperlich als auch sexuell unzulängliche Jude, der als schwach und verweiblicht gilt. Hier wird das intersektionale Ineinandergreifen der Kategorien Gender, Körper und Jewishness besonders deutlich. Wenn es auch noch zu einer negativ konnotierten Analogisierung von ‚devianter‘ Männlichkeit und Homosexualität kommt, haben wir es mit einem diskriminierenden ‚Queering‘ von Jewishness zu tun. Ein ähnlich diskriminierendes Stereotyp findet sich auch bei der medialen Darstellung von Jüdinnen wieder, nämlich das der unattraktiven ‚zu männlichen‘ Jüdin, die immer ‚zu viel‘, also exzesshaft ist. Ein ganz berühmtes Beispiel ist die Sitcom Die Nanny oder auch The Big Bang Theory, wo Howard als jüdische Figur im Cast vertreten ist und eine Mutter hat, die nie zu sehen ist, aber dafür zu hören ist. Ihre Stimme ist viel zu laut und besonders rau und damit männlich konnotiert. Und auch Fran Fine, die Hauptfigur aus Die Nanny hat eine extreme, nämlich viel zu schrille Stimme. Durch diese audiovisuellen Bilder ‚des Jüdischen‘, die uns immer wieder begegnen, werden negative Stereotype reproduziert, die sich dann verselbstständigen und in der Medienlandschaft zirkulieren.
PA: Auf Netflix ist es momentan so, dass Serien wie Young Royals, Heartstopper oder Élite mit queeren Schauspieler*innen große Erfolge einfahren. Finden Sie, dass es dort auch Veränderungen in der Medienlandschaft gibt: (Wie) hat sich die Repräsentation von queeren Identitäten verändert?
VS: Was Queerness betrifft, gibt es definitiv eine viel stärkere Repräsentation als früher und es gibt auch eine vielfältigere Repräsentation. Aber auch hier gibt es leider viel zu oft Momente, in denen ich feststelle: „Naja, das hätte man besser und anders machen können.“ Das ist leider immer die Krux mit der Repräsentation, denn sobald es um marginalisierte
Identitäten geht, egal ob queer, jewish, black etc., ist die Sichtbarkeit zwar zunächst etwas Positives. In einem weiteren Schritt muss allerdings immer gefragt werden, wie repräsentiert wird. Die reine Sichtbarkeit reicht also nicht aus, es geht auch immer um die Frage nach der Art und Qualität der Darstellung. Daher ist es sehr wichtig, sich kritisch mit medialen Repräsentationen zu beschäftigen und diese genau und kontextabhängig, z. B. in einem Close Reading, zu analysieren.
PA: Welche Medien beziehungsweise filmischen oder televisuellen Beispiele finden sie besonders prägend für die Verhandlungen von Queerness oder Jewishness?
VS: Im Rahmen meines Forschungsprojektes habe ich mich beispielsweise mit der Serie Transparent beschäftigt. Hier stehen die trans* Person Maura Pfefferman und ihre jüdische Familie im Zentrum der Narration. Im Verlauf der Serie werden die Themen Queerness und Jewishness auf verschiedenen Ebenen und über unterschiedliche Protagonist*innen thema-
tisiert. So definiert sich Mauras Tochter Ali etwa als non-binär oder ihre Tochter Sarah ist lesbisch. In der Serie wird also eine Vielfalt von Queerness dargestellt. Die Serie kann aber auch aufgrund ihrer Ästhetik als ‚queer‘ bezeichnet werden. Es gibt visuell und auditiv eine ganze Reihe von ‚Norm-Abweichungen‘ die an Inszenierungstechniken des Queer Cinema erinnern. Ein weiteres mediales Artefakt, das ich sehr interessant finde, ist der Spielfilm Shiva Baby von Emma Seligman, einer jüdischen Regisseurin, die sich selbst als queer definiert. Die Hauptfigur besucht mit ihrer Familie eine Shiva, also eine jüdische Trauerfeier, und trifft dort zugleich auf ihre Ex-Freundin als auch auf ihren aktuellen Geliebten und das als knapp 20-Jährige, die irgendwie versucht, mit dem Leben klarzukommen. Mitten im Horror einer Familienfeier, den wir alle kennen, wird sie von den Anwesenden permanent mit Fragen nach ihrem Liebesleben, ihrem Studium, ihren Karriereplänen und ihrem Körpergewicht konfrontiert. Und das alles wird dann auch noch ganz extrem in diesem jüdischen Kontext verortet und mit dem Aspekt von Queerness verwoben.
PA: Welche Hoffnung oder Erwartung haben Sie für die Film-, Medien- oder auch Comiclandschaft hinsichtlich der Weiterentwicklung von queerer oder jüdischer bzw. queer-jüdischer Repräsentationen?
VS: Eine positiv besetzte, anhaltende Repräsentation wäre extrem wünschenswert! Gerade in aktuellen Zeiten, die von einem zunehmendem Konservatismus und Rechtsruck geprägt sind.
Wir befinden uns gerade mitten in einem riesigen Backlash, der nicht nur auf die USA beschränkt ist. Meine Sorge ist, dass sich dieser Backlash in zukünftigen Produktionen deutlich abzeichnen wird. Konzerne und Institutionen wie Disney, Netflix und Co. haben sich in den vergangenen Jahren sehr dem Thema #Diversity verpflichtet. Ich frage mich allerdings, wie lange das noch so sein wird, wenn sich der politische und gesellschaftliche Gegenwind verschärft und es nicht mehr gewinnbringend ist ‚woke‘ zu sein. Ein solcher Backlash hat natürlich auf viele verschiedene marginalisierte Personengruppen negative Auswirkungen und macht sich auch durch intersektionale Ausschlüsse und Diskriminierungen bemerkbar. Mein Wunsch wäre, dass große und kleine Konzerne und Produktionsfirmen dagegenhalten und die Medienlandschaft auch zukünftig von Diversität geprägt ist und marginalisierte Personengruppen möglichst vielfältig und komplex repräsentiert werden.
Queere Ästhetik in der Musik von siovo – im Interview mit Simon Prahl
siovo ist ein aufstrebender deutscher Künstler, der in seiner Musik persönliche Erfahrungen einer queeren Identität verarbeitet. Nur selten ist queerness in der deutschen Poplandschaft vertreten. siovo bietet mit seinen Songs einen sicheren Raum der Freiheit und Akzeptanz, in dem man sich selbst sein kann, auch wenn es manchmal schmerzhaft ist. Seine Debüt-EP „Kauft dem Jungen Blumen“ erschien am 30. August 2024.
SP: Lieber siovo, was bedeutet ‚queer‘ für dich?
siovo: Das ist eine große Frage! Queer bedeutet für mich alles, was nicht zur heteronormativen Gesellschaft gehört. Für mich ist es auf jeden Fall mehr als Sexualität. Ich glaube, man kann das auch stark auf eine sexuelle Orientierung runterbrechen, aber für mich, gerade auch in der Popkultur, geht es um viel mehr. Es geht darum, in was für einer Kultur ich großgeworden bin, was mich beeinflusst, von was ich mich inspiriert fühle. Gerade die queere Kultur hat so viel zu bieten und ist so reich; und ich glaube, wenn man in diesem Kosmos aufwächst und lebt, hat man grundsätzlich andere Einflüsse als nicht-queere Menschen.
SP: Du bist, wie du immer wieder betonst, in einer sehr konservativen Gegend aufgewachsen. Was oder wer hat dich inspiriert, daraus auszubrechen und genau die Musik zu machen, die du heute machst?
siovo: Schwierig zu sagen, wahrscheinlich am Ende des Tages ich selber, mehr oder weniger. Ich glaube, für mich war die Kunst und die Musik schon immer ein großes Ventil. Ich bin eigentlich eher zufällig zur Musik gekommen, weil ich sehr inspiriert war durch CDs, die meine Mutter mitgebracht hat; v.a. von ABBA und Elton John. Ich habe die Songs irgendwie immer nachgesungen und mitgesungen und war davon sehr inspiriert. Man könnte sagen, dass das mein popkulturelles, queeres ‚awakening‘ war. Ich meine, ich habe mir zu dem Zeitpunkt natürlich gar keine Gedanken darüber gemacht. Für mich war es einfach irgendwie bunt und interessant und anders als alles andere, was mir in meinem Umfeld bekannt war. Und ich habe dann durch Musik gemerkt, wie viel Freiheit mir das gibt und wie selbstgestaltend und wie frei mein Leben durch Kunst sein kann. Damit hat sich das Ganze dann irgendwie entwickelt, dass ich da reingerutscht bin und mir irgendwann bewusst wurde, dass es auch natürlich ein politisches Statement ist. Aber für mich war es schon immer klar, ich mache, was ich mache, und ich denke nicht darüber nach, ‚open queer‘ in der Kunst zu sein. Für mich war es auch schon immer selbstverständlich. Aber: Meine ersten Berührungspunkte waren Elton John und ABBA – queerer geht’s ja auch nicht, oder?
SP: Du gibst in deinen Shows auch immer wieder Drag Queens eine Bühne, die von ihnen sowohl künstlerisch als auch politisch genutzt wird. Natürlich denkt man hierbei an Judith Butler, die in der Drag Queen die Verkörperung einer nicht-binären menschlichen Identität jenseits der Zweigeschlechtlichkeit sieht. Was ist dein Anliegen, Drag Queens eine Bühne zu geben?
siovo: Da gab’s ganz, ganz viele Gründe! Ich wusste schon immer, dass, wenn ich mal auf Tour gehe, dann nur gemeinsam mit Drag Queens. Und das aus mehreren Gründen: Ich bin ein großer Drag-Fan, schon mein Leben lang. Die ersten persönlichen Berührungen mit Drags hatte ich, als ich in Amerika gelebt habe und da wirklich diese krassen Drag Shows gesehen habe, die für mich sehr inspirierend waren. Und gerade Support Shows gehen darum, das Publikum einzuheizen und wer wäre da besser als Drag Queens. Und ich freue mich natürlich auch, einer queeren Community eine Plattform zu geben. Ich weiß nämlich, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich auf einer Tour spielen darf und eine Bühne bekomme, und dementsprechend war mir das auch so wichtig, mit meiner Community aufzutreten. Besser hätte mein Selbst nicht repräsentiert werden können als in Form eines Queer Acts und mit der Hilfe der Drags, die die Shows eröffnet haben.
SP: Du singst in deinen Liedern über Sterne, Lichtbrechungen, (grüne) Augen und v.a. über Körperlichkeit und Liebe. Wie würdest du deine musikalische Richtung und die von dir gewählten Schwerpunkte in deinen Songs beschreiben?
siovo: Auf jeden Fall verträumt! Ich glaube, dass verträumt ein gutes Wort ist, das meine Musik umfasst – Sterne, Augen, aber auch die Nacht! Für mich ist Musikmachen auch wie Bildermalen, denn für mich sind es ganz klar zwei Bereiche, die sich sehr nahekommen. Ich habe das Gefühl, dass ich gerne Bilder in Form von Texten gebe, und für mich ist mein Ziel, dass Hörer*innen immer ein gewisses Kopfkino haben und sich selber durch meine Musik eine eigene Welt vorstellen können. Und das erreiche ich, glaube ich, durch Wortmalereien, die ganz natürlich aus mir herauskommen und bei denen ich mich immer wieder erwische: ‚Ah, jetzt habe ich schon wieder so ein Wortbild gemalt‘. Aber das ist es, was mich total anspricht und was ich an der Musik liebe, nämlich, dass es möglich ist, Welten nur durch Wörter bauen zu können.
SP: Das macht sehr deutlich, wie sehr Poesie und Musik auch ineinander übergreifen.
siovo: Ja, total. Aber man muss auch sagen, dass es deutsche Musik schwer hat. Man ist, wenn man über Liebe schreibt, in Deutschland auch immer sehr nah am Kitsch – das finde ich total schade! Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von italienischer und spanischer Musik und ich spreche beide Sprachen leider nicht. Italienisch sollte ich eigentlich sprechen, denn ich habe es in der Schule gelernt, aber ich kann es nicht. Jedenfalls mag ich genau diese Musik, weil sie genau das transportiert, was ich mit meinen deutschen Songs auch transportieren möchte. Weil es sehr verletzliche, sehr ehrliche und fast schon kitschige Texte sind, die aber gerne Kitsch sein dürfen, weil es die Menschen in diesen Sprachen auch zulassen. Ich nehme an, dass es in der Poesie und in Texten dieser Kulturen sehr ähnlich ist. Ich übersetze auch immer super gerne aus diesen Sprachen und bin immer wieder fasziniert davon, wie nackt sich auch dort die Künstler machen und wie intim dort die Texte sein können. Das ist eine riesige Inspiration für mich. Deutschland ist immer sehr versteckt, verschlüsselt und traut sich nicht richtig, poetisch zu werden, auch wenn ich finde, dass die deutsche Sprache das auf jeden Fall kann – v.a. auch im mainstream.
SP: Auch wenn man sich deine Covers oder Musikvideos ansieht, dann fällt eine besondere Ästhetik auf: Mal dominiert die blaue, mal die rote Farbe, aber immer wird der/dein Körper in Szene gesetzt. Was macht für dich diese Ästhetik der (queeren) Körperlichkeit aus?
siovo: Der Körper ist für mich sehr wichtig, auch in und für meine Musik. Es ist Teil meiner schwulen experience, die ich als schwuler Mann lebe, denn gerade der Körper, in welcher Form auch immer, spielt immer eine große Rolle bei der Homosexualität. Allein wenn man an die Anziehung zum eigenen Körperbild denkt; genau das ist ja auch eine super unique experience, die man als homosexuelle Person erfährt. Wenn man natürlich auch das, was einen attracted, transportiert, dann weiß man natürlich auch irgendwie, mit seinem Körper umzugehen und was auch eine Körperästhetik bedeutet. Ich sehe das bei mir als einen großen Vorteil, auch wenn ich weiß, dass es auch oft ein großes Problem ist, denn bodycult hat natürlich auch eine große Schattenseite, gerade auch in der Kunstszene. Ich sehe es aber teilweise auch als Geschenk, weil man nicht nur die eigene innere Welt inszeniert, sondern auch den Körper als Medium benutzt, denn bei mir geht alles Hand in Hand miteinander. Und gerade bei „Kauft dem Jungen Blumen“, meiner letzten EP, geht es auch inhaltlich sehr stark um körperliche Freiheit, um das Ausziehen. Für mich ist Körperlichkeit und Nacktheit in meiner Kunst fast schon eine zynische Art und Weise, über mein ‚Freimachen‘ und meine innersten Gedanken, die ich habe, zu reden. Und ich muss sagen, dass ich mich in meinem Körper schon immer sehr wohl gefühlt habe. Ich bin natürlich auch damit aufgewachsen, meinen Körper zu benutzen, denn ich habe ganz lange geturnt, Leistungssport gemacht, getanzt. Das kommt daher, dass ich auf eine Musicalschule gegangen bin, ich habe früh Ballettunterricht genommen und dementsprechend ist mein Körper Teil meines künstlerischen Ausdrucks.
SP: In deinem Song „angel dust“ (2023) geht es um das Warten auf jemanden, der dir sehr am Herzen liegt. Es wirkt, als wäre der gesamte Kosmos dein Feind, denn du singst: „Langsam glaub ich sind nicht alle Engel heilig / Die Sterne malen Bilder deiner Silhouette“. Was hat es mit der Figur des Engels auf sich, die in deinen Songs immer wieder vorkommt, auch in seiner trügerischen, verräterischen Form?
siovo: Ich muss natürlich sagen, dass ich sehr religiös aufgewachsen bin – und so hatte ich schon immer Themen, die mich beschäftigen und berühren. Allein das Wort ‚Engel‘ bedeutet sehr viel für mich; generell greife ich gerne auf ein religiöses Vokabular in meinen Songs zurück. In „angel dust“ geht es mir um ein paar Dinge gleichzeitig: Ich bin nach Berlin gezogen (und wohne jetzt auch schon eine Weile in der Stadt) und bin ein großer Fan des Nachtlebens, denn für mich war es die erste Welt, in der ich mich in meiner queerness sehr wohlgefühlt habe. Ich hatte das Gefühl, dass ich hier richtig bin und hier sein kann, wer ich bin – und gleichzeitig gibt es aber auch viele negative Seiten, die fast schon ein bisschen dämonisch sind an dieser ganzen Welt. Und „angel dust“ ist für mich tatsächlich nicht nur ein Song über eine Person, sondern es geht für mich auch um die ‚Dämonen des Nachtlebens‘, die gleichzeitig aber auch engelshaft und paradiesisch erscheinen. Vor allem die Berliner Clubkultur ist wie ein Paradies, in dem man als Kind und junger Erwachsener immer sein wollte – in meinem Fall zumindest, als Kind vom Dorf. Und dann ist man in dieser Welt und sie strahlt mit einem engelsgleiches Licht, aber gleichzeitig ist es auch eine sehr trügerische und zerstörerische Welt. Aber natürlich: „angel dust“ ist eine erst einmal eine ganz deutliche Anspielung auf die Droge, gleichzeitig geht es auch um die Personen in diesem Nachtleben, zu denen ich mich hingezogen fühle, auch wenn ich gleichzeitig weiß, dass die Person vielleicht nicht gut für mich ist.
SP: Ich finde, dass in deinem Song „sie“ (2024) die Zeilen „Ich könnte die Welt sein / Das Meer und die Wellen teilen / Doch wär nie wie sie / Der leistete Schimmer / Wie Staub in deinem Zimmer / Und trotzdem zu viel / Und so bleibt es für immer“ sehr stark auf den Punkt bringen, was Herzschmerz ausmacht. Wie ist es für dich, über schreiben und zu singen, vor allem auch über nicht-heteronormative Liebe, also nicht zwischen Mann und Frau, sondern ganz explizit auch über gleichgeschlechtliche Liebe?
siovo: Für mich ist das auch immer ein ganz natürlicher Prozess, weil es eben meine Sexualität ist. Wenn ich das erzwingen müsste, dann würde das nicht funktionieren. Für mich wäre es wahrscheinlich schwierig, über eine heteronormative Liebesbeziehung zu schreiben, einfach weil ich sowas noch nicht erlebt habe. In meiner Welt ist es auch immer normal, mit Co-Writer*innen zu schreiben und ich hatte jedes Mal Glück, mit Co-Writer*innen zusammenzuarbeiten, die selbst queer sind, was in meinem Business eine Rarität ist. Gerade in dem Prozess, gemeinsam an einem Song zu arbeiten, sind auch sehr viele Dinge einfach aus mir herausgekommen – Songideen, Konzepte, Zeilen und Reime. Und das allein durch Gespräche mit anderen queeren Menschen. Das war sehr beeindruckend für mich, wie natürlich das Ganze dann herauskommt. Umso stolzer macht es mich jetzt, dies mit anderen queeren Menschen teilen zu dürfen. Im Prinzip kommen die Songs dann immer einfach aus einem heraus; vor allem war „sie“ auch ein Song, der an einem Tag entstanden ist. Es hat sich bei diesem Song so angefühlt, als müsste er einfach raus. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es in der deutschen Szene zuvor einen Song gab, der so eine Thematik angesprochen hat, wobei mir dieses Thema schon so oft begegnet ist – und offensichtlich auch nicht nur mir. Ich habe schon sehr oft Menschen getroffen, die das Gefühl haben, einer Heteronormativität in ihrem Leben nie gerecht zu werden, auch wenn sie versuchen, dagegen anzukämpfen. Aber genau darin liegt der Fehler, denn man soll ja nicht dagegen ankämpfen. Eine homosexuelle Beziehung ist natürlich etwas Anderes als eine heterosexuelle Beziehung, aber trotzdem ist es etwas Schönes. Und das war natürlich auch ein Prozess, den ich erst lernen musste und für mich hat dieser Song viel dazu beigetragen. Ich hoffe, dass ich mit diesem Song diesen Prozess mit anderen Menschen teilen kann.
SP: In deinem Song „immergrün“ (2024) singst du darüber, nie genug zu sein, dennoch immer zu blühen. Mich erinnert das an Francesco Petrarca, den wohl bekanntesten Liebesdichter der italienischen Literatur.. Er schrieb 365 Gedichte über die Unerreichbarkeit seiner Geliebten, die den Namen Laura trägt. Und weil die Liebe nicht erwidert wird, hat das lyrische Ich zu jeder Zeit Herzschmerz. Das italienische Wort ‚lauro‘, auf Deutsch eben die Lorbeerpflanze, kommt in einigen seiner Gedichte seiner ‚Laura‘ wenigstens klanglich sehr nah und, wie man weiß, ist die Lorbeer auch eine immergrüne Pflanze. Worauf ich eigentlich hinauswill: Was hat die in deiner Musik immer wieder vorkommende ‚florale Ästhetik‘ auf sich? Oder anders gesagt: Welche Bedeutung haben Blumen und Pflanzen in deinen Songs und auf deinen Covers?
siovo: Da muss ich kurz ausholen. Mein Opa war die erste Person, die mich zur Musik gebracht und unterstützt hat. Er hat mir nämlich eine Mundharmonika geschenkt und meinte, ich müsse unbedingt in den Chor und Musik machen. Mein Opa hat mir diese Welt eröffnet, also die Welt des Songwritings und des künstlerischen Ausdrückens durch die Musik. Mein Opa war die Person, die viele von meinen Demos, die jetzt auch in der EP gelandet sind, auch gehört hat. Nachdem mein Opa die Songs gehört hat, hat er gefragt, ob man mir Blumen kaufen müsse und ob ich depressiv sei, weil ich so traurige Texte geschrieben habe. Und dann kam eben der Release der EP immer näher, mein Opa war aber leider nicht mehr in der Lage, meine EP und meine fertigen Songs zu hören, weil er leider letzten Sommer verstorben ist. Dementsprechend dachte ich, dass es eben auch ein sehr passender Titel für die EP wäre. Kauft dem Jungen Blumen ist schon sehr zynisch und lustig, um mein Herzschmerz-Projekt zu benennen. Aber natürlich sind Blumen auch eine schöne Analogie zu dem, was ich versuche zu transportieren. Für mich waren Blumen schon immer das perfekte Sinnbild und Leitbild meiner künstlerischen Kommunikation. Auch meine Fans und ich kommunizieren mit Blumen, denn ich bekomme immer vor den Shows oder auf der Bühne Dutzende davon geschenkt.
SP: Und was ist deine Lieblingsblume?
siovo: Ich habe sehr viele! Mohnblumen finde ich super schön, aber auch ganz classy mit Rosen. Ich weiß, das ist irgendwie super boring, aber ich liebe auch einfach Rosen. Und ich finde sogar tote Blumen sehr schön – ich lasse sie dann immer stehen und die Leute denken, ich wäre einfach zu faul, sie wegzuschmeißen, aber ich finde das auch sehr schön, wenn die Blumen schon vertrocknet sind. Irgendwie gefällt mir das.
SP: Also könnte man deine EP auch als einen Appell verstehen, denn traditionell ist das Blumenschenken ja so codiert, dass der Junge dem Mädchen Blumen schenkt – und du drehst das ja um und sagst: Nein, jeder hat es verdient, Blumen zu bekommen, wenn ihr die Person mögt.
siovo: Klar, der Titel meiner EP hat für mich schon eine Art doppelte Codierung. Ich spiele natürlich mit Feminität. In meiner Musik vergesse ich das aber immer wieder. Ich höre zum Beispiel viel Musik von männlichen Kollegen aus der Szene. Darin kommt das Zärtliche, Feminine, Verletzliche oft zu kurz – weil nicht gerne darüber gesprochen wird und viele Kollegen unterbewusst ein Männlichkeitsideal aufrechterhalten wollen. Bei mir und in meiner Musik spielt das natürlich auf einer ganz natürlichen Art und Weise keine Rolle.
SP: Ich finde, dass du gezeigt hast, dass Liebe und Emotionen keinesfalls in binäre Kategorien passen, weil Emotionalität an sich nicht gegendert werden kann. Deine Texte ermutigen zu mehr Toleranz gegenüber Queerness – etwas, das in der heutigen Zeit dringender denn je ist. Was möchtest du deinen Hörer*innen mit deinen Songs mitgeben – etwas, das dir besonders am Herzen liegt?
siovo: Man muss sich nicht verstecken. Und nicht verstellen, denn dann kommen wir auch als Gesellschaft nicht weiter. Wenn man so sein will, um irgendwo reinzupassen, dann kann keiner etwas vom anderen lernen und es entwickelt sich nichts. Erst durch Sichtbarkeit, Ehrlichkeit zu sich selbst und offene queere Identitäten wird den Menschen bewusst, dass queere Subkulturen existieren – und dass wir da sind. Denn wir sind auch nur Menschen, die lieben wollen, die Verlust fühlen wollen und die einfach fühlen wollen.
Literarische Spaziergänge
Wintersemester 2024/25
In diesem Semester sind die Artikel literarische Spaziergänge. Mit einem aus der romanischen Literaturszene entstandenen Buch in der Hand werden Städte inner- und außerhalb der Romania kennengelernt: Lesendes Laufen und laufendes Lesen wechseln sich miteinander ab: Es gibt historische und literaturgeschichtliche Fakten, aber auch ganz persönliche Leseeindrücke und Erfahrungen mit den gewählten Lektüren. Im Vordergrund stehen die ästhetische Praxis des Leseprozesses und die eigenen Berührungspunkte zu literarischen Werken.
A spasso con Gerda. Alla scoperta dell’Alto Adige sulle tracce di Eva dorme, di Francesca Melandri von Cristina Belloni
“Südtirol ist nicht Italien”: uno slogan che chi, come me, vive in questa terra di confine conosce bene e che, purtroppo, è stato usato a lungo per dividere, per tracciare un confine netto tra “mir und die Ondere”, tra “Südtiroler und Walsche”. Eppure… eppure la storia di questa provincia è anche, o forse soprattutto, una storia di contatti, di contaminazioni, di rapporti col Nord e il Sud delle Alpi, di amori “translinguistici”. Ed è proprio una di queste storie che Francesca Melandri ci racconta con “Eva dorme”. La vita di Gerda, madre di Eva e protagonista del libro, ci porta per mano a scoprire la storia della Provincia Autonoma di Bolzano / Südtirol – come si chiama ufficialmente questa zona d’Italia che proprio Italia non è. Nel 2010, quando ho preso in mano il libro per la prima volta, era appena uscito: io vivevo a Bressanone già da anni, conoscevo la storia locale, ma l’idea di poter leggere un romanzo di un’autrice italiana ambientato proprio nella zona in cui vivevo mi ha subito attratto. La lettura, che consiglio di cuore a tutte e tutti, è stata una bellissima scoperta: un libro scritto benissimo, che, come mi ha detto un’amica di madrelingua tedesca, è stato scritto da una persona che “ha veramente capito come stanno le cose”. Alla sua uscita, nel 2010, il romanzo è stato per molti lettori di lingua italiana una rivelazione: pochi, anche tra coloro che ogni inverno andavano a sciare in Val Gardena o in Val Badia, a fare fondo all’Alpe di Siusi o ad Anterselva, o in estate ammiravano con stupore le falesie dolomitiche, i castelli, i masi, i prati “pettinati” in Val Venosta, Val Pusteria e Val d’Isarco, conoscevano davvero la realtà locale, quasi nessuno la storia. E allora vi invito a passeggiare con Gerda per questa terra, questa heimat che ormai è diventata anche mia, benché io sia indiscutibilmente una Walsche, arrivata qui da “fuori”. Come Hermann, il padre di Gerda, come Gerda ed Eva, anche noi muoviamo i nostri passi da Brunico, la cittadina mai citata per nome nel libro, ma perfettamente riconoscibile per chi vive qui. Certo, Shanghai, il quartiere di Hermann e Gerda, non esiste più: “Il gruppo di case sul versante in ombra del castello medievale” che “distava oltre un chilometro dal negozio più vicino, quasi due dal centro della cittadina” ed era “un gruppo di case basse, ricoperte da una mescola grigia d’intonaco e sassi di fiume” ha conosciuto la stessa evoluzione di tutta la città: “miracolata” dall’esplosione del turismo, soprattutto. Leggendo le pagine del libro possiamo seguire anche questo sviluppo, vedere la piccola cittadina di fondazione vescovile trasformarsi in un centro turistico di primo piano: il castello ospita ora uno dei Messner Mountain Museums, il “versante in ombra” è parte della città, e i dintorni sono segnati da numerosi alberghi spesso a 4 stelle che ospitano i turisti e gli sciatori che frequentano il comprensorio di Plan de Corones. Il romanzo non segue solo la vita di Gerda, ma anche un lungo viaggio di Eva, sua figlia, quasi un’incarnazione del Sudtirolo attuale: perfettamente bilingue, integrata in una società dove tra italiani e tedeschi non ci sono più barriere. Anche Eva abita a Brunico, ma poco prima di Pasqua, di ritorno da un viaggio all’estero, riceve una telefonata: è Vito, l’uomo che avrebbe potuto essere suo padre, che lei, bambina, aveva disegnato alla scuola elementare e presentato come “Mein Tata”, ma che un giorno era scomparso dalla sua vita… ma non vi svelerò perché. Vito è anziano e malato, sta morendo e vorrebbe rivedere Eva, la sua “Sisiduzza”, la sua scintilla. E lei parte, in treno, diretta alla punta dello Stivale. E noi la seguiamo.
Prima tappa Fortezza/Franzensfeste, dove “la valle è così stretta che per guardare il cielo non basta alzare gli occhi, bisogna anche piegare il collo all’indietro”. Fortezza, nata nell’Ottocento in funzione della costruzione del forte militare che le dà il nome e che sbarra la valle. Destinata poco dopo ad ospitare gli operai addetti alla costruzione della linea ferroviaria del Brennero. Abitata sempre da immigrati: prima da operai provenienti da tutte le aree dell’impero e addetti ai due grandi cantieri, poi da molti italiani, che lavoravano nelle ferrovie, nella Guardia di Finanza e alla dogana, ora da molti nuovi immigrati. E da Fortezza proseguiamo il viaggio lungo la Val d’Isarco, attraverso Bressanone, fino a Bolzano, fino al capoluogo. Bolzano, città commerciale, soprattutto di mercanti di vino, al punto che si diceva che le case galleggiassero sul nettare di Bacco, ospitato nelle cantine delle case del centro storico, sotto quei portici che ora alternano negozi, ristoranti, bar e assistono allo struscio di residenti e turisti. Bolzano che Mussolini aveva voluto “italianizzare” impiantandovi industrie e facendovi trasferire immigrati dal resto d’Italia; che aveva ampliato con la costruzione di una “città nuova”. E dove aveva fatto edificare un “Monumento alla Vittoria” con un’iscrizione che celebrava l’Italia come “portatrice di civiltà”: a una popolazione che da secoli era alfabetizzata, a differenza degli immigrati taliani che ci vennero ad abitare. Il Monumento è stato a lungo il simbolo della “Bolzano fascista”, contestatissimo. Ora è stato trasformato in un museo dedicato alla storia della città e dell’Alto Adige/Südtirol tra il 1918 e il 1945, che vi consiglio di visitare. Da Bolzano Eva prosegue verso sud, costeggiando Castel Firmiano/Schloss Sigmundskron: non soltanto imponente rovina di un castello medievale, che oggi ospita un secondo Messner Mountain Museum, ma luogo di grande rilievo simbolico nella storia recente dell’Alto Adige/Südtirol. Gerda c’era il 17 novembre 1957, e noi con lei: il lungo viaggio da Brunico in camion, la folla – Gerda “non aveva mai visto tante persone insieme” – e l’”uomo sul palco, sotto la torre del castello” che “non era vecchio, ma pareva malato, fragilissimo”: Silvius Magnago, il maggiore paladino dell’autonomia. Fu quel giorno che nacque lo slogan “Los von Trient”, aprendo la lunga fase di lotta, a volte anche cruenta e segnata da attentati – e il libro apre anche un’interessantissima prospettiva sul coinvolgimento di servizi segreti non solo italiani; sul ruolo che ebbero le bombe altoatesine nella nascita della “strategia della tensione” - che avrebbe, infine, condotto alla costituzione della Provincia Autonoma di Bolzano. Sarebbe nato da qui l’Alto Adige/Südtirol, realtà autonoma davvero, non più sottoposta al controllo di una regione che aveva il capoluogo a Trento ed era a maggioranza italiana. E, mentre Eva continua il viaggio verso Vito, noi da Sigmundskron andiamo a Merano: centro storico del turismo altoatesino. Qui, fin da fine Ottocento, il bel mondo dell’Impero veniva a curarsi grazie al clima mite e alla frequentissima presenza del sole. Qui, soprattutto nel castel Trauttmansdorf (oggi c’è un meraviglioso giardino botanico!) amava soggiornare Sissi. Qui sorsero già durante la Belle Époque strutture meravigliose, in gran parte ancora esistenti: il Kursaal, le passeggiate, i grandi alberghi. Ed è proprio in uno di questi alberghi che Gerda lavora per tutta la vita. All’inizio è una lavapiatti e, una matratze: una “non amata”, una delle molte ragazzine che le famiglie, per povertà, per salvare l’onore o per semplice disinteresse, destinavano al servizio negli hotel: ragazze sole, considerate dal personale maschile come “fatte per una cosa sola (…) a differenza dei materassi loro omonimi sui quali, invece, volendo, si può anche dormire”. Ma Gerda non è una matratze qualsiasi. Nemmeno la nascita illegittima di Eva riesce a scalfire la sua volontà e il rispetto con cui la guardano gli altri. E ben presto passa da sguattera ad aiuto-cuoca, sempre più necessaria ed importante, fino a sostituire l’anziano capocuoco, Herr Neumann, e diventare la responsabile della cucina dell’hotel di Frau Mayer… Se volete sapere il resto, e assistere all’incontro tra Eva e Vito, leggete il libro! Vi ho già detto che il romanzo è scritto benissimo. Ma per me ha qualcosa in più: una grande capacità di cogliere l’essenza dell’Alto Adige / Südtirol. Di farcene comprendere, quasi vivere, la storia. Di presentarci personaggi vivi e reali. Perché Gerda esiste, anzi, ne esistono tante e io le ho conosciute: si chiamano Hanna, Cornelia, Roswitha… E ci sono anche tanti Vito, che si chiamano Serafino, Giuseppe, Gianfranco… Oggi i miei studenti e le mie studentesse del liceo fanno le cameriere e i camerieri in estate e nelle vacanze invernali per guadagnare un po’ di soldi. Negli anni Sessanta e Settanta una ragazza mandata dalla famiglia a servire in un hotel era considerata “disponibile” e “disonorata”. Oggi i matrimoni misti sono soprattutto quelli con i nuovi immigrati. Fino agli anni Ottanta, in certe valli anche più tardi, erano quelli tra italiani e tedeschi, anzi, soprattutto tra italiani e tedesche ed i preti non esitavano a raccomandare ai padri sudtirolesi di sorvegliare attentamente le figlie. Oggi italiani e tedeschi convivono pacificamente, nelle scuole si studia obbligatoriamente la seconda lingua fin dalla prima elementare, nelle città i ragazzi si mischiano e frequentano le scuole dell’altro gruppo linguistico. Ma leggere “Eva dorme” ci aiuta a capire davvero questo pezzetto di suolo, che ora è certamente italiano, ma che si può comprendere soltanto conoscendone e accettandone la lunga storia “straniera”.
Nach ihrer Promotion in mittelalterlicher Geschichte an der Staatlichen Universität Mailand unter der Leitung von Prof. G. Chittolini arbeitete Cristina Belloni als unabhängige Forscherin für spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte und als Beraterin für viele Forschungsprojekte in Mailand, Brixen, Innsbruck, Trient, und Como. Sie ist Lehrerin für Italienisch L2 in Brixen (BZ). Seit Januar 2019 arbeitet sie als Dozentin für italienische Sprache, Kultur und Didaktik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und ist nun zurück in Südtirol.
Meine Begegnung mit Edouard Louis in der Weltkulturerbestadt Lyon von Stéphanie Niepceron
Ich hatte im Sommer die Chance und das Privileg, als Gastdozentin an der Universität Lyon II – „LUMIÈRE“ zu sein und dort im Rahmen von Erasmus am Sommerprogramm der Universität, während der mehrstündigen Angebote des Instituts für Sprachen CIEF, zu hospitieren. Ich durfte hierbei die vielfältigen methodisch-didaktischen, insbesondere aber auch die ergänzenden kulturellen und kulturhistorischen Angebote mit den ausländischen TeilnehmerInnen beobachten und evaluieren. Außerdem war es mir vergönnt, diese wunderschöne Stadt per pedes apostulorum zu erkunden und an Stellen, die ich besonders inspirierend fand, in meinem Buch zu schmökern. Es ist der Debut-Roman des jungen französischen Schriftstellers Édouard Louis En finir avec Eddy Bellegueule (dt. Das Ende von Eddy) aus dem Jahr 2014, von dem ich erzählen möchte.
Wenn ich die jungen und alten Südfranzösinnen und Südfranzosen, die mir in Richtung Universität LUMIERE durch die Rue de la Université entgegeneilen, beobachte, stelle ich mir die Frage, ob die Handlung meines Romans auch in den reichen Straßen Lyons spielen könnte? Sicher wäre die Kinderstube von Eddy nicht im Vieux-Lyon angesiedelt und die Wiege hätte nicht in den lichtdurchfluteten Gemüsegärten oder offenen Arkaden gestanden. Nein, Eddy ist ein Arbeiterkind und noch ein armes und außergewöhnliches dazu! Hinzu kommt seine Stellung als eins von drei nachgeborenen Kindern seiner Mutter Monique Bellegueule. Seine Mama hat, wie der Autor in mehreren nachfolgenden autobiografischen Büchern beschreibt, schon aus erster Ehe zwei Kinder mitgebracht, bevor sie von Louis’ Vater drei weitere Kinder bekam – Eddy bzw. Édouard war das erste davon. Doch sicher gab es auch Sonnenschein im Leben des jungen Édouard, fragt sich sicher der interessierte Leser, wie er mich in Lyon täglich bei meinen Expeditionen begleitet, wenn ich z.B. im Torbogen des Hauses des Tuchhändlers Thomassin auf dem Place du Change stehe und mir das Treiben der Touristen und Einheimischen beobachte. Ich muss Sie enttäuschen, denn bis zu seinem Weggang aus dem Dorf Hallencourt in der der nordfranzösischen Picardie konnte Eddy (Édouard) kaum den Schein der Sonne genießen, denn zu grausam gingen vor allem die Jugendlichen des Dorfes aber auch seine eigene Familie mit ihm, dem Homosexuellen, dem Pédé, dem Motherfucker um. Der Roman gleicht in seiner Ausdrucksstärke der Brutalität der Straße und den Erinnerungen, die einem einfallen, wenn man vielleicht an das Leben in den „banlieues von Paris“ denkt. Diese gibt es sicher auch in der Millionenstadt Lyon, aber mir blieben sie unsichtbar.
Vielleicht, weil ich nur kurz in Lyon sein konnte, vielleicht auch weil ich die Schönheiten zuerst entdecken und ich in der kulturellen, baulichen und menschlichen Vielfalt quasi ein Bad nehmen konnte. Eddy ist dieses schöne Leben nicht vergönnt, er lebt während seiner Kindheit in einfachsten Verhältnissen in der nordfranzösischen Picardie. In einem Dorf, in dem Homophobie, Rassismus und der Hass auf die Reichen vorherrschen. In einer Welt voller Unmöglichkeiten wächst Eddy heran. Schnell merkend, dass er irgendwie anders ist, entdeckt er seine Homosexualität, will sie um jeden Preis unterdrücken, vertuschen und muss genau daran scheitern. Sein Scheitern führt zur Flucht aus seinem Heimatdorf und aus seiner Kindheit, die geprägt ist von Gewalt, Demütigungen und Anfeindungen. Wäre es denkbar, dass Eddy nach seiner Flucht in den Seidenfabriken von Lyon arbeitend, hier seinen Reifungsprozess geschafft und zum hoch prämierten Autor hätte werden können? Ich bin sehr unsicher, denn wenn man ein weiteres Zitat aus seinem ersten Buch nimmt, so muss man annehmen, dass es genau dieser Werdegang war, der ihn zu einer Persönlichkeit reifen ließ: „Während ich älter wurde, spürte ich die Blicke meines Vaters immer schwerer auf mir lasten, das Entsetzen, das in ihm Aufstieg, seine Ohnmacht angesichts des Ungeheuers, das er gezeugt hatte und dessen Anomalie immer deutlicher zutage trat.“ (S. 26 in der deutschen Übersetzung von Sonja Finck) Wenn ich das größtenteils junge Völkchen von Südfranzosen oft Studentinnen und Studenten, aber auch gut situierte ältere Zeitgenossen und Hilfsarbeiter beobachte, stelle ich fest, dass sie, obwohl sie hier viele Jahre leben, die französische Sprache, die doch so inspirierend sein kann, dennoch kaum richtig sprechen. In den schönen Cafés bei der Loge de Change (Wechselstube), die heute eine reformierte Kirche beherbergt, treffe ich auf Zeitgenossen, manche von ihnen hier geboren und aufgewachsen, die sich als Handwerker, Firmenbesitzer, aber auch vielfach als Paketboten und Servicepersonal ihr Auskommen verdienen, kaum noch um das Kulturgut Sprache bemühen. Wo soll das enden, wenn zwar die Kulisse, die „Weltkulturerbestadt“ Lyon, ein herrliches Ambiente bietet, aber die darin lebenden Bewohner ihren einzigen Zeitvertreib darin sehen, ständig am eigenen Smartphone ‚rumzunesteln’ und einen Sprachgebrauch zeigen, der maximal als restringierter Code begriffen werden kann. Da muss vielleicht ein Autor wie Édouard Louis, der aus der untersten sozialen Schicht ausgebrochen ist und sich menschlich und kulturell eine gute Ausgangsbasis für sein zukünftiges Leben geschaffen hat, mit Hilfe seiner hervorragenden Sprachnutzung herhalten, um zu zeigen, was Sprache bewirken kann. Dank Sprache zum Erfolg heißt mein Resümee und ich genieße einen leckeren Macaron aus den „Halles de Lyon von Paul Bocuse“.
Stéphanie Niepceron ist Lektorin für Französisch an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie ist Erasmus-Beauftragte für Frankreich und die Schweiz und kooperiert mit dem Centre international d’Études françaises (CIEF) in Lyon 2.
Ein literarischer Spaziergang durch La Réunion mit Le Chercheur d'or von J.M.G. Le Clézio von Gizem Günes
Die ersten Zeilen aus Le Chercheur d’or von Clézio kommen mir in den Sinn: „J’aimais cette île pour ses plages, ses falaises, ses forêts mystérieuses.“ (Le Clézio 2008, S. 15). Le Clézios Worte wirken wie eine Einladung, die Natur La Réunions zu entdecken. Zunächst machen wir uns auf in das Hochland und wandern entlang des Piton de la Fournaise, einem der aktivsten Vulkane der Welt. Der Vulkan ist die Kraft, die La Réunion formt. Le Clézio beschreibt in seinen Werken oft die rohe Gewalt und Mystik der Natur. So kann der Vulkan sinnbildlich für die Erneuerung und Zerstörung, die Geschichte und Identität von La Réunion stehen. Die Landschaft erzählt hier von der Entstehung der Insel und dem beständigen Wandel, der das Leben ihrer Bewohner beeinflusst. „Le volcan, qui semblait dormir, était le cœur battant de l’île, menaçant, mystique.“ (Le Clézio 2008, S. 23). Doch die Reise geht weiter entlang einer dschungelartigen Vegetation, dicht und reich an exotischen Pflanzen, die im Tageslicht leuchten und in der Nacht im Dunkeln verschwinden. „Les plantes, les arbres gigantesques, les rivières cachées semblaient détenir des secrets inaccessibles.“ (Le Clézio 2008, S. 45). Sie bringt mich in das Herz der Insel, in den Cirque de Cilaos. Cilaos ist eines der drei Kesseltäler, auch Cirques genannt.
Diese beeindruckenden Täler, zu denen auch Mafate und Salazie gehören, sind vulkanischen Ursprungs und entstanden durch den Einsturz des ursprünglichen Vulkankegels sowie durch Jahrmillionen der Erosion. Eingebettet zwischen steilen Bergwänden und dominiert vom majestätischen Piton des Neiges, dem höchsten Berg im Indischen Ozean, ist Cilaos ein Ort von landschaftlicher Schönheit.
Die Fahrt dorthin ist bereits ein Abenteuer für sich: Eine schwindelerregende Straße mit unzähligen Kurven schlängelt sich durch eine wilde, grüne Landschaft, bis sich das Tal in all seiner majestätischen Schönheit öffnet. Es ist ein Ort, der Ehrfurcht einflößt. Die zerklüfteten Felsen, die wie Wachtürme den Himmel berühren, und die saftigen, grünen Terrassenfelder vermitteln den Eindruck einer Welt, die der Zeit enthoben ist. Victor Hugo schrieb einmal in Les Contemplations: „La nature ressemble à l’âme: elle a ses abîmes.“ (Hugo 1856, S. 61). Dieser Satz beschreibt treffend das Gefühl, das Cilaos hervorruft.
Das Tal erzählt Geschichten von Abgeschiedenheit und Widerstand. Während es einst ein Zufluchtsort für entlaufene Sklaven war, ist Cilaos heute ein Ort der Heilung und Entspannung. Die heißen Thermalquellen, die berühmten Linsen und die charmanten kleinen Dörfer laden zum Verweilen ein. Die Wanderwege, die zu abgelegenen Wasserfällen oder Aussichtspunkten führen, eröffnen Perspektiven, die man so schnell nicht vergisst. In den Dörfern La Réunions pulsiert das Leben – Feste erfüllen die Straßen, und die Rhythmen von Sega- und Maloya-Musik tragen die Geschichte der Sklaverei und den Triumph der Freiheit in die Gegenwart. Maloya ist eine traditionelle Musik- und Tanzform La Réunions, die aus dem Erbe der Sklaven entstand und als Ausdruck von Widerstand und Sehnsucht nach Freiheit diente. Einst von den Kolonialherren unterdrückt, entwickelte sich Maloya zum Symbol der kreolischen Identität und wurde 2009 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Heute lebt die Musik in Festivals und modernen Fusionen weiter und bewahrt das kulturelle Erbe der Insel.
Der letzte Halt unseres Spazierganges ist der Markt von Saint Pierre. Wenn man den Markt betritt, wird man sofort von einer Symphonie aus Farben, Düften und Stimmen empfangen. Die Stände sind überfüllt mit exotischen Früchten wie Litschis, Mangos und Passionsfrüchten, die in der tropischen Sonne leuchten. Daneben stapeln sich aromatische Gewürze wie Vanille, deren Duft sich in der warmen Luft mischt und die Sinne betört. Es scheint, als wäre hier die ganze Vielfalt der Insel in einer einzigen Gasse versammelt – ein wahres Fest für die Sinne.
Paul-Jean Toulet, ein französischer Dichter, schrieb in Le Paradis des autres: „Le paradis n’est pas un lieu, c'est un état d'âme.“ (Toulet 1920, S. 74). Genau dieses Gefühl vermittelt der Markt von Saint-Pierre auf mich. Die lebendige Atmosphäre, die freundlichen Gesichter und die Vielfalt der Produkte lassen den Besucher für einen Moment die Hektik des Alltags vergessen und in eine Welt eintauchen, in der Harmonie und Lebensfreude regieren. Es ist ein Treffpunkt für die Menschen der Insel. Hier begegnen sich Kulturen und Traditionen, die ihre Wurzeln bewahren und gleichzeitig eine gemeinsame Identität schaffen. Die Stimmen der Händler, die ihre Waren anpreisen, wechseln spielerisch. Die Besucher, egal ob Einheimische oder Reisende, flanieren zwischen den Ständen, probieren tropische Früchte, kosten lokale Spezialitäten wie die würzigen Samoussas oder den süßen Gâteau Patate.
Am Ende meines Spazierganges wird mir bewusst, dass La Réunion mehr als eine Insel voller natürlicher Schönheit ist. Die Harmonie, die sie ausstrahlt, geht über das Sichtbare hinaus und findet ihre Fortsetzung in der einzigartigen kulturellen Vielfalt, die die Insel prägt. Es ist ein kulturelles Mosaik, das sich in einem einzigartigen Zusammenspiel aus Natur, Musik und Kultur entfaltet. La Réunion ist ein Ort, an dem Frieden und Vielfalt nicht nur Konzepte, sondern gelebte Realität sind. Die kreolische Identität, die im Herzen der Inselgemeinschaft steht, zeugt von der Verschmelzung unterschiedlichster Einflüsse – afrikanischer, indischer, chinesischer und europäischer Herkunft. Diese Verschmelzung spiegelt sich nicht nur in der Sprache wider, sondern auch in der Musik, im Tanz und in der Kulinarik der Insel.
Doch die Kultur La Réunions ist keineswegs statisch. Sie ist ein lebendiger, dynamischer Prozess, der sich stetig mit neuen Einflüssen und Ideen weiterentwickelt. Die Insel bietet einen offenen Raum, in dem Menschen aus den unterschiedlichsten Hintergründen dazu beitragen, dass Toleranz und Respekt hier im Mittelpunkt stehen und sich zu einer harmonischen Gesellschaft verweben.
Hier, wo die gewaltigen Vulkane und üppigen Wälder die Landschaft prägen und die Menschen ihre Wurzeln in Musik und Tanz lebendig halten, entsteht eine Vision einer Welt, in der Vielfalt eine Quelle der Stärke ist. La Réunion bewahrt nicht nur ihren geologischen Ursprung wie einen kostbaren Schatz, sondern auch ihre kulturelle Identität – eine, die in ihrer Offenheit und Wandelbarkeit ein inspirierendes Beispiel für das friedliche Zusammenleben darstellt.
Gizem Günes studiert Französisch und Politik&Wirtschaft für das Lehramt an Gymnasien in Frankfurt am Main. Seit 2024 ist sie Mitglied der Fachschaft Romanistik und wirkt bei unterschiedlichen Projekten mit. Für zwei Monate absolvierte sie ein freiwilliges Praktikum an einer Schule auf La Réunion.
Lesend durch Amiens von Vera Leisinger
Mein Lesespaziergang hat, auch wenn er sich durch Amiens schlängelt, genau genommen nicht dort begonnen. Stattdessen war es Lille, eine schöne große Stadt ganz in der Nähe der belgischen Grenze, wo ich auf der alljährlichen Braderie, dem größten Flohmarkt Europas, ein ganz besonderes Buch in die Hand nahm. Es stach irgendwie hervor, zwischen Pflichtlektüren von Corneille, Molière, Rabelais (mit Interpretationshilfen versehen) und den immer gleichen, ins Französische übersetzten amerikanischen Krimis. Ich zahlte also ein paar Euro an den jungen Mann von der Jugendorganisation irgendeiner Gewerkschaft. Ich hatte das Buch nur deshalb gewählt, weil mir der Name etwas sagte, der da auf dem Einband stand: Boris Vian.
Als ich anfing Gitarre zu spielen, haben meine Eltern mir ihre Liederbücher gegeben, voll von den Protestliedern, die sie in ihren Jugendgruppen zu singen pflegten. Eine Generation, stets voller Angst vor der ständigen Gefahr eines Atomkriegs, die sich deswegen für Abrüstung und Frieden einsetzte. Viele der Lieder passen heute ebenso gut wie früher.
Eines dieser Lieder, das ich aus den Liederbüchern meiner Eltern kennengelernt habe, war eben von diesem Boris Vian. Der Deserteur. Ein Lied über Menschen, die keine Lust mehr haben, bei Frankreichs verzweifelten Versuch mitzumachen, die alten Kolonien zu behalten. 1954 im Kontext des Indochinakriegs entstanden, wurde es den Radiostationen sehr schnell verboten das Lied zu senden. Erst 1962, nach dem Algerienkrieg, hob man dieses Verbot auf. L‘Arrache-cœur von 1942 handelt nicht direkt von Kriegen, sondern von Menschen. Genauer gesagt: von Menschen vom Land. Das macht das Geschehen aber nicht weniger brutal.
Mein Spaziergang beginnt dann richtig im Bus, weil man in dem Industriegebiet, in dem der alte Campus und das Studierendenwohnheim liegen, nicht gut spazieren gehen kann. Dafür kann man die Menschen beobachten, die sich aneinanderdrängen. Ich fahre bis zum Gare du Nord, dem Hauptbahnhof, von dem aus die Regionalzüge nach Lille, Compiègne und Paris fahren. Diese relative Nähe zu Paris bedeutet aber nicht, dass die Amiénois sich den Parisern näher fühlen würden. Die Picards betrachten sie mit einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung, aus Stolz und Unverständnis. Paris ist eine Synonym des französischen Zentralismus bzw. der amtierenden Regierung, von der man sich außerhalb von Paris ignoriert fühlt.
Boris Vian selbst hat sein Leben überwiegend in Paris verbracht, obgleich sein Roman nicht in Paris spielt. Bei Vian sind es die sonntäglichen Kirchgänger des Dorfes, die morden und foltern, die engelsgleich fürsorgliche Mutter, die ihren Mann in den Wahnsinn treibt, die Ställe und Weiden auf der die Sexualität zügellos gelebt wird. Auf die Bordelle und Spielhöllen der Großstadt ist hier für das Laster niemand angewiesen.
Ein bisschen habe ich den Roman schon begonnen. Ein psychopathischer Psychologe bringt Drillinge zur Welt, weil die werdende Mutter ihren Ehemann aus Wut über die Leiden der Schwangerschaft kurzerhand eingesperrt hat; alte Menschen werden als Sklaven versteigert, Lehrlinge zu Tode geprügelt. Gegen das Wort „honte“ scheinen alle allergisch zu sein. Vom Gare du Nord aus laufe ich weiter in Richtung Innenstadt. Gerade sind Herbstferien, dementsprechend voll sind die Straßen mit den Schüler:innen der hiesigen Collèges und Lycées. Ich suche mir eine Bank zum Lesen aus, aber die Absurdität von Gesellschaft bei Vian verträgt sich nicht mit dem geselligen Treiben und ich bleibe nicht lange.
Stattdessen laufe ich in Richtung Somme. Ich komme an der Kathedrale vorbei, dem Markenzeichen der Stadt. Man sieht sie von fast überall in der Stadt aus, was bei einer Höhe von 43m allein für den Mittelbau auch kaum verwunderlich ist. Hinein gehe ich heute nicht. Das erscheint mir nicht der richtige Ort für einen Roman zu sein, in dem Priester gesteinigt werden, wenn sie nicht den gewünschten Regen verkündigen oder mit Stuhlbeinen beworfen werden, weil sie den Boxkampf gegen den Teufel zu schnell gewinnen.
Direkt hinter der Kathedrale fließt die Somme, dort wurden ein paar Bänke aufgebaut. Hier erkennt man die ganze Schönheit des Herbstes und fast reut es mich, dass Buch wieder zu öffnen, das inzwischen immer absurder wird.
Als mir im Schatten zu kalt wird, laufe ich runter bis ins Studierendenviertel Saint Leu, benannt nach einer der vielen großen alten Kirchen. Bei Tag wirkt es etwas heruntergekommen und verlassen, erst bei Nacht erkennt man, wie lebendig die Stadt ist. Amiens ist eine Studierendenstadt. Von 133.000 Einwohner:innen sind 33.000 Studierende, die am Wochenende mit ihren Köfferchen voll schmutziger Wäsche nach Hause in die umliegenden Dörfer und Kleinstädte fahren. Aus Paris kommt hier, trotz der Nähe, niemand, zumindest nicht für die Geisteswissenschaften. Wer in Paris lebt, bleibt dort auch zum Studieren.
An der Citadelle, meinem Campus, angekommen, setze ich mich in den frisch angelegten Park vor dem alten Stadttor, dass auch immer noch als Eingangstor fungiert. In der Sonne ist es angenehm, wieder wünsche ich mir ein zu meiner Umgebung passenderes Buch. Vielleicht hätte ich es lieber an einem der vielen Regentage lesen sollen. Der Psychiater hat gerade eine Katze psychoanalysiert, von der jetzt nur noch eine leere Hülle übrigbleibt, und frisst jetzt rohe Fische. Der Ehemann hat sich ein Boot gebaut, um vor seiner Frau zu fliehen, die die Kinder ganz für sich allein haben will.
Mir ist plötzlich nach der Gesellschaft anderer Menschen, die nicht so seltsam handeln wie bei Vian, also gebe ich meinen einsamen Platz auf. Ich laufe runter zur Somme. Der Fluss passt von allen Orten in Amiens am besten in die Geschichte. Im Roman gibt es einen Fluss, in den die Menschen all das werfen, vor dem sie sich schämen; ob gekreuzigte Pferde oder die Leichen misshandelter Auszubildender. Ein alter Mann, La Gloïre, lässt es dann zwischen seinen Zähnen vergehen und wird dafür mit Gold bezahlt, von dem er sich nichts kaufen kann. Die Somme war Schauplatz zweier Weltkriege und blutigster Schlachten. Auch sie trägt viel menschliche Scham.
Ich laufe noch ein bisschen weiter, rote Backsteinhäuser zur einen, die Somme zur anderen Seite. Schließlich komme ich an meinen Lieblingsleseort, einem der Öffentlichkeit frei zugänglichen botanischen Garten. In ihm höre ich die umliegenden Straßen nicht mehr, die Wasserfontäne in der Mitte bestimmt die Geräuschkulisse und die riesigen Gewächshäuser funkeln im Sonnenlicht. Ich setze mich auf eine der Bänke und beende den zweiten Abschnitt, der noch wirrer und unkonkreter scheint als der erste, mir dafür aber sprachlich viel besser gefällt.
Als ich an der Busstation auf dem Weg ins Wohnheim eine Bekannte treffe, bin ich erleichtert. Denn auch wenn alle Menschen ihre geheimen Abgründe haben mögen, mag ich sie eigentlich sehr gerne und bin davon überzeugt, dass die meisten von ihnen in ihrem Herzen gut sind. Ob Vian mir da zugestimmt hätte, wage ich zu bezweifeln, aber ich nehme von meinem Lesespaziergang heute mehr die Schönheit der Stadt als die Hässlichkeit der Seele mit. Der letzte Teil des Buchs bleibt mir ja noch.
Vera Leisinger studiert Französisch und Deutsch für das Lehramt an Gymnasien in Frankfurt am Main. Seit 2022 ist sie als studentische Hilfskraft am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik in der neueren deutschen Literatur beschäftigt. Aktuell verbringt sie ihr Auslandssemester im nordfranzösischen Amiens.
Zwischen Kunst und Geschichte: literarischer Spaziergang durch Aix-en-Provence von Paulina Albrecht
„Le Seul fou nous happe dans le maelström d’une conscience en plein dérèglement. Entre images irréelles et extrême lucidité, il nous fait entendre une voix qui se déverse, emportant d’un seul souffle toute une existence sur son passage, cristallisant avec acuité la condition de l'écrivain à l’œuvre. Au fil de ce monologue intérieur fluide et tendu, intime et hypnotique, à la fois confession et flux de conscience, souvenirs, aphorismes et visions jaillissent en cascade.“
So wird Le seul fou (2024) des Schriftstellers Marc Pautrel kurzum beschrieben. Das Werk hat mich mit seinen ersten Worten sofort in den Bann gezogen. „On m’a volé ma vie, j’essaie maintenant de la racheter.“, heißt es auf der ersten Seite. Zwischen unwirklichen Bildern und extremer Klarheit, Sinnlosigkeit und Sinnsuche erschafft Pautrel für mich ein Konstruktiv aus poetischen Gedankengängen, die mich auf meinem literarischen Spaziergang durch Aix-en-Provence begleiten sollen.
Die ersten Lichtstrahlen fallen in mein Zimmer. Das Morgenrot lässt das graue Kalksteingebirge des Montagne Sainte-Victoire in rot-orangen Tönen erstrahlen. Jetzt – zu Herbstbeginn – schleicht sich ein leichter Nebel unter die morgendliche Röte. Ich habe die achte Seite von Le seul fou aufgeschlagen, auf der heißt es: „Là où elle se tient, les rayons du soleil sont plus vifs.“ (8) Das beschreibt das malerische Städtchen Aix-en-Provence in der Nähe von Marseille in wenigen Worten. Mit ungefähr 3000 Sonnenstunden zählt das Département Bouches-du-Rhône, zu dem auch Aix-en-Provence gehört, zu den sonnenreichsten Gebieten Frankreichs.
Aix ist nicht nur eine sonnenreiche Stadt, sondern auch die Geburtsstätte und Inspirationsquelle des Malers Paul Cézanne und der Ort, an dem Émile Zola seine Kindheit verbrachte. Kurzum: eine kleine Stadt mit großen Persönlichkeiten. Mit dem morgendlichen Blick auf den Berg ist es fast so, als würden Cézannes Bilder zum Leben erweckt werden. Das Kalksteingebirge liegt in direkter Sichtweite meines Zimmers. Was von unten so idyllisch und romantisch aussieht, hat vom Gipfelkreuz (der Aufstieg dauert von dem Parkplatz etwa zwei Stunden und lohnt sich definitiv!) eine erhabene Wirkung. Südlich ist das Meer gelegen und im Norden sieht man auch schon Anfang September die verschneiten südlichen französischen Alpen.
Ich bin inzwischen auf Seite 15 von Pautrels einzigem Verrückten angelangt. „Je suis de moins en moins isolé(e).“ (15) Ich begebe mich in die Innenstadt, die gleichzeitig die Altstadt ist. Ich passiere den Park Jourdan, in dem man tagsüber viele junge Menschen trifft. Inzwischen lässt der Herbst die Blätter in allen Farben erstrahlen. Pautrel schreibt dazu Folgendes: „À l’automne, les arbres font comme si les humains n’existaient pas, ils endossent leur pull-over de feu.“ (62)
Aus ruhigen Straßen werden autobefahrene Alleen und Gässchen mit Brunnen. Der größte von ihnen ist vermutlich der Fontaine de la Rotonde; Dreh- und Angelpunkt der Stadt, an dem man auch Cézanne in echter Lebensgröße wiederfindet.
Mein Spaziergang führt mich zu dem Cours Mirabeau, einer majestätischen Allee, die Aix wie ein goldenes Band durchzieht; regelmäßig finden dort Märkte statt. „Le monde est soudainement envahi de fleurs bleues: iris, campanules, myosotis, violettes, lavandes, qui vont jusqu’á remplir la totalité de mon champ de vision.“ (9 sf.), heißt es bei Pautrel (9 sf.). Ich sauge den omnipräsenten Duft des Lavendels ein und begebe mich weiter in die Altstadt. Dabei passiere ich das Rathaus, weitere Marktplätze und unzählige winzige Cafés. Ich setze mich in ein kleines Café in einer Seitenstraße und lasse die Kulisse und die Passanten auf mich wirken. Während ich das rege Treiben in der inneren Altstadt beobachte, bin ich inzwischen auf Seite 22 von Le seul fou angelangt. Ich lese: „Pourquoi l’existence de certaines personnes est si forte.“ (22) Beim Beobachten fallen mir tatsächlich einige Passanten auf, die Blicke auf sich ziehen, weil sie extravagant gekleidet sind oder auffällige Frisuren haben.
Ich setze meinen Spaziergang fort und komme an Madeleines de Christophe vorbei. Der Duft der Backstube lässt mich eine Tüte frisch gebackener Madeleines kaufen. Ich bin ähnlich verzaubert von dem Geruch wie Proust in A la recherche du temps perdu: „La vue de la petite madeleine ne m'avait rien rappelé avant que je n’y eusse goûté ; peut-être parce que, en ayant souvent aperçu depuis, sans en manger, sur les tablettes des pâtissiers, leur image avait quitté ces jours de Combray pour se lier à d’autres plus récents […]“ Der Geschmack der Madeleines wird mich vermutlich immer an meine Zeit in Aix erinnern. (Übrigens: warm und mit einem Kaffee schmecken die Madeleines noch besser!)
Gestärkt schlendere ich weiter durch die kleinen Gassen der Vieille Ville, passiere das Musée Granet, in dem Picasso, Cézanne, Giacometti und viele weitere Gemälde berühmter Künstler zu finden sind.
Am Nachmittag begebe ich mich langsam zurück zu meiner Wohnung; die berauschenden Töne der Stadt verschwinden allmählich – „je scrute la visage du ciel“ (32) – und ich sauge die herbstlichen Sonnenstrahlen der Nachmittagssonne auf. Und dann lese ich weiter Pautrel, aber eigentlich bleiben meine Gedanken an einer Stelle hängen, mit der ich meinen Spaziergang beenden möchte: „[…]et dans cette ville il y a ma maison [temporelle], rien à craindre, cette dernière ne s’envolera pas.“ (15)
Zitate aus: Pautrel, Marc (2024): Le seul fou. Éditions Allia: Paris.
Paulina Albrecht studiert Französisch, Geographie und Deutsch für das Lehramt an Gymnasien in Frankfurt am Main. Sie ist derzeit als studentische Hilfskraft im Teilprojekt ViFoNet (Videobasierte Fortbildungsmodule zum digital gestützten Unterricht) am Institut für romanische Sprachen und Literaturen - romantische Didaktik angestellt. Aktuell verbringt sie ihr Auslandssemester im südfranzösischen Aix-en-Provence.
Danteskes Echo
Sommersemester 2024
Die hier zu lesenden Artikel sind sogenannte Response Paper, also subjektive Erstreaktionen auf einen gelesenen Text, ohne andere Meinungen oder wissenschaftliche Ansätze miteinzubeziehen. Ziel der Response Paper ist es, die individuellen und persönlichen Leseeindrücke eines spezifischen Textes festzuhalten. Die ästhetische Praxis des Leseprozesses soll dabei in den Vordergrund gestellt werden.
Das Thema der drei Response Paper lautet Danteskes Echo. Alle Autoren sind keine Romanisten (und dementsprechend nicht aus unserer eigenen Reihen), sondern aus anderen Fachdisziplinen (Linguistik/Didaktik, Altgermanistik und Kunstgeschichte). Der Titel der Rubrik Danteskes Echo ergibt sich aus dem literarischen Widerhall, den Dante abseits der Romania und des romanistischen Fachdiskurses erzeugt.
Dante findet Nemo auf dem Eurovision Song Contest von Simon Prahl
Mit Nemo gewinnt im Jahr 2024 zum ersten Mal eine nicht-binäre Persönlichkeit den prestigereichen Eurovision Song Contest, der in diesem Jahr im schwedischen Malmö stattgefunden hat. Nemo stammt aus der Schweizer Kleinstadt Biel und jongliert in seinen Songs immer wieder mit gegenwartsaktuellen Themen wie Gender Identity, mental health und Identitätsfindung. Auch der Song « The Code », mit welchem Nemo im diesjährigen Gesangswettbewerb angetreten ist, zirkuliert in diesem thematischen Spektrum und handelt von der persönlichen Reise Nemos durch die Hölle des Alltags und der daran anschließenden Ankunft in einem persönlichen Paradies. Nemo beschreibt die selbsterlebten Schwierigkeiten, sich in einer (binären) Gesellschaft einzufinden und die eigene Identität zwischen den vermeintlich fixierten Polen der geschlechtlichen Binarität zu verorten. ‹ The Code › ist ein Lied von Selbstakzeptanz und identitärer Emanzipation und gleichzeitig ein Mutspruch für alle Menschen, die auf ähnliche Weise fühlen wie Nemo. Der Ausbruch aus dem gesellschaftlichen Normenkorsett beginnt für Nemo mit einer Suche nach dem eigenen Selbst und gilt als Initialzündung einer Reise, die im persönlichen Glück enden wird:
Welcome to the show
Let everybody know
I’m done playing the game
I’ll break out of the chains
Nemo wendet sich mit « The Code » in direkter Weise an sein Publikum und beginnt mit der Negierung des gesellschaftlichen ‹ Spiels › und der Zerstörung der ‹ Ketten ›, in welchen sich Nemo befindet. Diese Entkettung aus dem gesellschaftlichen Normenkorsett und die Verweigerung, sich an die Spielregeln des Lebens zu halten, initiieren die Reise Nemos, welche zunächst mit der Durchwanderung der Hölle beginnt:
I, I went to hell and back
To find myself on track
I broke the code
Oh, Oh, Oh Like ammonites
I just gave it some time
Now I found paradise
I broke the code
Oh, Oh, Oh
Nemo, gleichzeitig das singende und handelnde Subjekt, muss, um auf den ‹ richtigen Weg › zurückzukehren, durch die ‹ Hölle › wandern, um letztendlich das ‹ Paradies › zu finden. Nemo erzählt seine persönliche (Leid-)Geschichte und fragt auf ironische Weise danach, wer eigentlich das Recht habe, darüber zu entscheiden, ‹ was richtig und schlecht ist ›, was als ‹ normal › und was als ‹ abnormal › gilt:
Let me tell you a tale about life
'Bout the good and the bad, better hold on tight
Who decides what’s wrong, what’s right
Everything is balance, everything’s light
I got so much on my mind
And I been awake all night
I’m so pumped, I’m so psyched
It’s bigger than me, I’m getting so hyped
Die Ansprache Nemos an sein Publikum erinnert an eine (danteske) Kommunikation, die ähnlich funktioniert wie in der Divina Commedia: Die gequälte Seele, die von Dante angesprochen wird, berichtet von ihrer individuellen Leidgeschichte, denn in den einzelnen Gesprächssequenzen von Dantes Textvorlage erhalten diese Seelen die Möglichkeit, über ihren eigenen Werdegang und Abstieg sprechen zu können.
Werfen wir gemeinsam nun jedoch einen Blick auf die ersten Verse aus Dantes Divina Commedia:
Nel mezzo del cammin di nostra vita
Mi ritrovai per una selva oscura
Ché la dritta via era smarrita.
(Inf. I 1-3)
Direkt zu Beginn seines Werkes legt Dante damit den Ausgangspunkt seiner Reise durch die drei Jenseitsreiche fest. In seinem Werk ist Dante zugleich sowohl das erlebende Ich (Dante als Wanderer) als auch das schreibende Ich (Dante als Dichter). Franziska Meier formuliert es wie folgt: „Es ist Dante, der handelt, hört, sieht, riecht, fühlt und redet. Es ist Dante, der mit den Worten ringt und das Unglaubliche seinen Lesern begreiflich und plausibel zu machen sucht. Und diese Setzung war Anfang des 14. Jahrhunderts revolutionär.“ (Meier, Franziska: Dantes Göttliche Komödie: Eine Einführung. München: Verlag C.H. Beck 2018, S. 8) Besonders interessant ist die Wahl des Possessivpronomens ‹ nostra ›, mit der Dante sich und seine Leser zu einer gemeinsamen Einheit verschmelzen lässt. Die Leiden, die Dante als Dichter und Wanderer erlebt, erfährt der Leser seines Werkes ebenfalls: „In den ersten Versen ist somit jeder Leser eingeladen, sich mit dem Wanderer Dante auf den Weg aus dem Dickicht herab zu begeben.“ (ebd.) Von Beginn an wird die Verzweiflung und Verirrung des Protagonisten deutlich, denn dieser hat sich in einem dunklen Wald verlaufen und kann den rechten Weg nicht mehr wiederfinden.
Was soll das nun? Nemo, auf der einen Seite, als nicht-binäre Persönlichkeit auf der wohl größten europäischen Bühne für Künstler*innen überhaupt und Dante, auf der anderen Seite, der mit seinem Œuvre die italienische Literatur bis heute immens prägt. Nun ja, es geht nicht darum, intertextuelle Bezüge zu finden, um nachzuweisen, dass Nemo in konkreter Weise Dante zitiert und in den Liedtext einbettet, sondern darum, Nemos wichtiges Thema in einen breiteren Kontext zu stellen und die vom Song ausgehenden Resonanzen mit Dantes Textvorlage vergleichen zu können. Folgt man der Argumentation Franziska Meiers, so dient Dante als ‹ Reibungsfläche › für all diejenigen, die sich ausgeschlossen fühlen. Sie sagt:
[A]uf den Spuren des gedemütigten Exilanten Dante [wird] die konfliktreiche Identitätsfindung von Marginalisierten oder Diskriminierten künstlerisch durchgespielt […] und Künstler [vermögen] über den Bezug auf die Komödie immer wieder vom Rand ins Herz der westlichen Kultur vorzustoßen. […] Der Exilant Dante, der in der Dichtung sein Schicksal und seine Sicht der Welt so mächtig in Verse fasste, dass auch seine erbittertsten Gegner an diesem Werk nicht mehr vorbeikamen, bot ihnen allen [– und Franziska Meier führt hierbei einige Namen von Dichtern wie zum Beispiel Aimé Césaire an –] im 20. und 21. Jahrhundert eine Reibungsfläche und Vorlage, um sich ins Verhältnis zu dem von Europa, vom Westen noch immer dominierten Zentrum zu setzen. (Meier, Franziska: Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie. Biographie eines Jahrtausendbuchs. München 2021, S. 201f.)
Dante und Nemo – beide Persönlichkeiten für sich – durchwandern ihre persönliche Hölle, um den rechten Pfad wieder aufnehmen zu können und am Ende das Paradies zu erreichen. Dante durch göttliche Bestimmung, Nemo durch das Ausbrechen aus dem gesellschaftlichen ‹ Code ›.
Am Ende des Weges beider Persönlichkeiten ist das Paradies als Ort der selbstbestimmten Freiheit: Bei Dante ein transzendenter Ort über der Oberfläche der Erde, bei Nemo ein irdischer Ort auf der Bühne des ESC 2024, allerdings auf einer rotierenden Drehscheibe.
Simon Prahl ist studentische Hilfskraft und Tutor am Institut für Romanische Sprachen und ihre Literaturen am Lehrstuhl für Französische und Italienische Literaturwissenschaft von Prof. Dr. Christine Ott und Tutor am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik, Abteilung der Neueren deutschen Literatur für Prof. Dr. Bernd Zegowitz an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Lehramtsstudium für Gymnasien der Fächer Romanistik, Germanistik und Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.
„Ruhe! Du verdammter Wolf!“ – Als ich im Urlaub vor Dante erschrak von Dominik Banhold
Neulich reiste ich für einige Tage nach Weimar. Ich bin Wiederholungstourist, weil dieser Ort in seiner ganzen Ambivalenz eine einmalige Wirkung zu entfalten vermag. Wir kennen es ja, das große Humanitätsprojekt des Goethe-Kreises, das Vertrauen in die Kunst, die Hoffnung auf eine Demokratie, aber auch die Legendenbildung um die Goethe-Eiche, die Reise des Schiller-Schreibtisches ins KZ Buchenwald, die so treffende Formulierung von der Janusköpfigkeit Weimars von Hannah Arendt, die ganze Widersprüchlichkeit des menschlichen Wesens.
Mit alldem schlenderte ich durch die Stadt, ohne bewusstes Ziel, als ich an die Türen der Anna-Amalia-Bibliothek gelangte. Zu meinem Glück war das Besucherkontigent für das aktuelle Zeitfenster noch nicht ausgeschöpft, sodass ich direkt in die grauen Pantoffeln schlüpfen und den wundervollen Bibliotheksraum betreten durfte. Schnell wanderte der Blick hoch, die Büsten entlang. Ich fühlte eine gewisse Dankbarkeit, dass der verheerende Brand von 2004 überwunden scheint. Und ich schaute auf den Hauptgott des klassischen Weimars, Goethe. Ich fragte mich, wen Goethe selbst da oben eigentlich ansah, drehte mich um, und erschrak ein wenig, als ich in das strenge Gesicht Dantes schaute. Ich fuhr unter dem festen, erbarmungslosen Blick tatsächlich etwas zusammen, als fühlte ich mich von ihm, der alle Schwächen und Vergehen beschaut, ertappt.
Ich erinnerte mich an die wunderbaren Illustrationen der Göttlichen Komödie von Gustave Doré, aus denen Dante gleichfalls häufig streng die Umgebung betrachtet. Eine meiner Lieblingszeichnungen aber zeigen einen Dante, der sich verängstigt an Vergil klammert. Fest stellt sich Vergil, den an sich drückenden Dante im Arm, mit wehendem Gewand dem Ansturm entgegen, dem Ansturm der Zornigen. In Canto VII befinden wir uns auf dem Weg durch den vierten Kreis der Hölle, in dem die Geizigen und die Verschwender leiden, und betreten den fünften Kreis, Strafkammer der Zornigen und Trägen. Beide Kreise gehören der Ebene der Maßlosigkeit an. Voll ist es hier, nirgends sonst erblickte Dante jemals mehr Menschen als in diesen Räumen, in denen der Lärm herrscht, Geschrei und Gebrüll von allen Wänden widerhallen. Und nirgends sonst klammert sich Dante bei Doré so erschüttert an Vergil wie hier bei den Gierigen, Zornigen und Hochmütigen. Nirgends sonst erscheint er uns so verunsichert, so schwankend, so erschüttert. Dante beschreibt die Menschen an diesem Ort: „Sie schlugen aufeinander ein, nicht nur mit den Händen, sondern mit Kopf, Brust und Füßen; sie zerrissen sich mit den Zähnen, Fetzen für Fetzen.“ Doch diese Masse bildet nur den sichtbaren Teil, das Brodeln an der Oberfläche, die Zornigsten. Vergil erklärt Dante, „dass auch unter dem Wasser Leute sind, die stöhnen und Blasen nach oben treiben, wie das Auge dir sagt, wohin du blickst.“ Gemeint sind die Trägen, erschlaffte Geister, die im Morast des Zorns ersticken.
Es sind Gegenräume des klassischen Weimars. Der Idee vom Maßhalten, vom Streben nach innerer und äußerer Harmonie, von Toleranz und Mitmenschlichkeit stehen an diesem Ort Gier und Maßlosigkeit, Wut und Aggression entgegen. Dort lässt Doré seinen Dante verängstigen, beinahe verzweifeln.
Ich verließ die Bibliothek, ging die Treppen hinunter in den Park und setzte mich auf eine Bank mit Blick auf Goethes Gartenhaus, den Ettersberg im Rücken. Kurz überlegte ich, ob die Blickrichtung idealistisch war, die Wirklichkeit vielmehr hinter mir lag, welcher Kopf des Janus aus der Zukunft wartend auf mich schaute. Hatte mich der strenge Dante oben in der Bibliothek dabei ertappt? An der großen Idee vom Menschen zu zweifeln? Am Versprechen einer fernen Harmonie? Zu nah zu sein bei den Trägen? Die Zornigen zu laut werden zu lassen?
Auf ihrem Weg begegnen Vergil und Dante Pluto, dem Wächter im vierten Kreis. Vergil erkennt die Verunsicherung seines Begleiters: „,Lass die Angst nicht Herr über dich werden! Denn bei aller Macht, die er haben mag, er kann uns nicht hindern, diesen Fels hinabzusteigen.‘“ Vergil stellt sich dem keifenden Pluto entgegen und spricht den Bannspruch: „,Ruhe! Du verdammter Wolf! Friss dich selbst auf in deiner Wut!“‘ Dann, so fährt Dante fort, „stürzte die grausame Bestie zu Boden“. Dante hat uns diesen Vergil mitgegeben, der fest steht wie das Denkmal auf dem Vorplatz des Nationaltheaters, eine Idee, die uns Halt geben und ans Licht führen kann, wenn wir ihre Stimme vernehmen uns von ihr leiten lassen. Streng schaut Dante in diesem Jahr auf uns, den Menschen mit all seiner Menschlichkeit. Ertappt verließ ich Weimar und fuhr dankbar zurück nach Hause.
Die zitierten Textstellen entstammen der Übertragung von Kurt Flasch (S. Fischer Verlag 2013).
Dominik Banhold studierte Deutsch, Englisch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien an der Universität Würzburg. Als studentischer und wissenschaftlicher Mitarbeiter forschte und publizierte er am Lehrstuhl für deutsche Sprachwissenschaft zur Varietäten- und Soziolinguistik, 2014 wurde er mit einer linguistischen Untersuchung historischer Schulbücher promoviert. Seitdem ist er als Gymnasiallehrer in Aschaffenburg tätig. Banhold ist Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für die Didaktik der deutschen Sprache und Literatur in Würzburg, Referent für verschiedene Schulbuchverlage, Fortbildner sowie Autor von Schulmaterialien für die Fächer Deutsch und Englisch. Seine Bewunderung für Dante verdankt er dem ersten Kontakt bereits in der Schulzeit. Seitdem ist ihm Dante zum ständigen Lebensbegleiter geworden.
„[…] der Funke, der mein Erinnern trotz des entstellten Äußeren wieder belebte […]“ von Hannah Semrau
Es ist April, genauer gesagt ein Sonntag im April, ein wunderschöner Frühlingsabend auf der Veranda, mit einem Glas Wein bei Dämmerung. Der Himmel ist leicht errötet; ich schlage eine ganz besondere Lektüre auf, nämlich das Purgatorio, also den zweiten Teil der Divina Commedia des italienischen Dichters Dante Alighieri. Ich möchte diesen Abend deswegen als eine Begegnung mit Dante betiteln, ja, ihn vielleicht sogar ein „Sich-Einlassen“, ein „Experimentieren“ mit Dante bezeichnen. Zugegebenermaßen gehört Dantes – und damit das italienische – Mittelalter, nicht zu einer „klassischen“ Abendlektüre meiner Person, widme ich mich doch eher dem mittelhochdeutschen Œuvre.
Ich begebe mich also auf eine Reise – un viaggio – in ein Buch des romanischen Mittelalters, das ebenso fern und literarisch und philosophisch trotzdem nahe erscheint, denn es finden sich tiefgreifende Gemeinsamkeiten mit dem mir so bekanntem deutschen Mittelalter, exemplarisch zwischen Sujet und Tropus. Das mag dem einen oder anderen vielleicht verrückt oder gar banal erscheinen, doch in tiefster Innigkeit mit dem geschriebenen Buchstaben – dem Verschmelzen von Wörtern, aufgefädelt wie Perlen auf einer Schnur – wird die Notwendigkeit bewusst, sich in eine neue Welt zu versetzen, ähnlich wie es bei einer Zeitreise der Fall sein mag. Ich sehe mich an dieser Stelle gezwungen, einen kurzen Exkurs einzuführen und zu wagen, um Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, zu verdeutlichen, in welcher Umgebung mein persönliches Danteskes Echo entsteht: Vor mir stehen drei terracottafarbene Pflanzschalen: ein Oliven-, ein Zitronen- und ein Orangenbaum. Alle drei Bäume blühen. Durchstreift der Wind – eine laue Frühlingsbrise – das zarte, neu grünende Blattwerk dieser Trias, ergibt sich ein unbeschreiblicher Duft, ein mediterranes Aroma, das sich an einem solchen Abend auf meiner wegen Dante pausierten Lektüre niederlegt: treffenderweise Goethes Italienische Reise. Ein Buch, das mir zur Gewohnheit geworden ist, das mich jeden Italienurlaub begleitet, obgleich ich noch auf den letzten Werkseiten verweile, sie noch aufholen muss. Und nun ist es ausgerechnet Dante, der geborene Florentiner, dessen Werk ich in den Händen halte. Eingetauscht gegen Goethe, der nun im Bücherregal zwischengeparkt werden musste, ein hoher Triumph. Es scheint mir fast undenkbar, diesen Satz zu schreiben, es alleine zu wagen, Goethe auf die Parkbank, in die zweite Reihe zu schieben, doch es ist schlicht und ergreifend die Wahrheit.
Im Februar besuchte ich die atemberaubende Stadt Florenz und die Galleria degli Uffizi. Ich erinnere mich genau daran, dass ich in Anbetracht der Statue Dantes innehalten musste, da die Denkerpose mich auf besondere Art und Weise tief ergriff. Seine Augen, den Himmel emporblickend, mit der rechten Hand ein Buch Vergils umgreifend und mit dem linken Fuß voranschreitend, nahezu in einem verweilenden Zustand einer mouvance. Nun sitze ich aber mitten in Hessen, voller Fernweh und schweifender Sehnsuchtsgedanken nach Italien und alles, was bleibt, ist das Noema und das geschriebene Wort, in dem Buch, das ich nahezu ehrfürchtig in den Händen halte. Während der eine Satz Dantes, „Vergil ist es, der so zu mir gesprochen hat“, immer und immer wieder in meinem Kopf zu zirkulieren beginnt, erscheint es mir, als wäre dieser Satz eine bloße Phrase; eine Kette voller künstlerischer wie schöpferischer Genialität. Die zusammengefügten Wörter ließen mich philosophieren – obgleich nur für einen winzig kleinen Moment – was Vergil, der große Denker und Dichter der altehrwürdigen Zeit, über unser poetisches Leben zu sagen vermöge, wenn er unser Zeitgenosse gewesen wäre.
Ich nehme Sie nun, verehrte Leser und Leserinnen, mit auf meiner Reise durch den dreiundzwanzigsten Gesang des Purgatorio und mit zu jener Stelle, an der es heißt: „Während ich noch die Augen auf das grüne Laub gerichtet hatte, wie einer, der wohl sein Leben damit vertut, den Vögelein nachzuschauen, sagte der, der mir mehr noch als ein Vater war, zu mir: »Komm nun, mein Sohn, wir sollten die Zeit, die uns geschenkt ist, besser nützen.«“ Dieser erste Satz des Gesangs brennt sich in meine Gedankenwelt ein. Es ist ein Appell, ein Aufruf, sich auf die zentralen Dinge des Lebens zu fokussieren, womöglich ist es aber auch ein Wunsch, sich selbst im Wahnsinn des Purgatorio mit Philosophie und Literatur zu beschäftigen. Der Klagegesang Labia mea, Domine ist mir bekannt, er findet sich auch in mittelalterlichen Texten, um auf die Verkündigung des Wortes Gottes hinzuweisen, das dem irdischen Menschen über die Lippen haucht. Bleiben wir also beim Wort, denn es ist die Stimme, die das Wort spricht und das wiederum zum Momentum des Erkennens und Wiedererkennens führt. „Niemals hätte ich ihn an seinem Gesicht erkannt; doch an seiner Stimme wurde deutlich, was mir der Anblick vorenthalten hatte.“ Während sich die ersten Sinne dem Wiedererkennen entziehen, greift die Erinnerung an die Stimmfarbe. Forese Donati ist es, der Florentiner, dessen Wiedersehen Dante zwar freudig, aber nicht in aller Hochgestimmtheit verkündet. Forese beteuert, dass sein mageres Aussehen durch die stete Lust auf Essen und Trank zurückzuführen sei, denn seine Triebe würden durch den Duft, der von einem Obstbaum ausginge, entfacht. Doch Dante beendet den Gesang mit offenem Ausgang. Es bedürfe noch sechs weiteren Gesängen, aber dieser eine beherbergt einen aufrichtigen Beweis tiefer Freundschaft, so beteuert es Dante selbst zu Forese auf seinem Weg hinauf zu Beatrice.
Hannah Semrau (B.A. Germanistik & Ethnologie) ist Masterstudentin des Studiengangs Deutsche Literatur an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und ist hier als studentische Mitarbeiterin am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik, in der Abteilung für Ältere deutsche Literatur, tätig. Sie leitete hier bereits mehrfach das Grammatiktutorium zur Einführung in die Ältere deutsche Literatur und bietet derzeit ein Tutorium zur Einführungsvorlesung in die Mediävistik an. Die vielfältigen Forschungsinteressen reichen von literaturtheoretischen Ansätzen, kulturwissenschaftlichen und soziologischen Studien an mittelalterlichen Texten, über ein breites Gattungsrepertoire bis hin zur Kodikologie, der Analyse mittelalterlicher Handschriften und ihrer digitalen Erschließung.
Gute Menschen kommen in den Himmel von Jessica Fritsche
Als ich 8 Jahre alt war, erklärte mir meine Religionslehrerin, was nach dem Tod passiert: Schlechte Menschen kommen in die Hölle und gute in den Himmel. Obwohl mir die Vorstellung des Paradieses im Sinne eines grell-bunten Schlaraffenlandes mit einem unendlichen Vorrat an Süßigkeiten durchaus ansprechend erschien, war ich sehr skeptisch. Offensichtlich hielt mich diese Lehrerin (, die gleichzeitig Ähnlichkeit mit einem Mönch und einer Kröte hatte,) für komplett verblödet. Ich war keine fünf und mir durchaus darüber im Klaren, dass Osterhase und Weihnachtsmann nicht existierten, geschweige denn ein Leben nach dem Tod. In meinem kindlichen Stolz gekränkt, entschied ich mich, nicht im Traum daran denken, ihr diese märchenhafte Geschichte des Paradieses abzukaufen. Wahrscheinlich war man eben einfach tot und merkte sowieso nichts mehr. Dabei hielt ich mich für überaus klug und erwachsen. Nein, Danke, Frau Mönchkröte!
Nie hätte ich vermutet, dass ich 20 Jahre später einmal Gefallen an einem Text finden könnte, der ein göttliches Paradies als Ziel einer Reise vom tiefsten Punkt der Hölle bis zum höchsten des Himmels erzählt. Und doch lese ich heute den XXXI. Gesang aus Dantes Divina Commedia und ich gebe zu, er berührt etwas in mir, was man irgendwo zwischen Weltschmerz und Hoffnung einordnen kann. Und dass, obwohl oder gerade, weil diese zugegebenermaßen kitschige Vorstellung eines Todesparadieses so gar nicht in unsere moderne aufgeklärte Welt zu passen scheint. Es regt sich in mir eine Trauer über die tatsächlichen Verhältnisse unserer Zivilisation und die Lebewesen, die unter ihnen leiden, die teilweise nicht weiter von Dantes Paradies entfernt sein könnten. Gleichzeitig bin ich verzückt und euphorisch aufgrund dieser utopischen Vorstellung, die Dante so poetisch erschafft und die es sich dennoch lohnt, als Inspirationsquelle im Hinterkopf zu behalten.
Dante, von seiner heiligen Jugendliebe Beatrice angeleitet, kommt also endlich von Hölle über Fegefeuer in die hohen, heiligen Himmelsphären. Juhu. Wie kann man sich auch nicht freuen, für einen Menschen, der nach Leid nun endlich Freude erfährt? Das hat er verdient, sagt unser innerer Gerechtigkeitssinn und ist befriedigt. Ohnehin ist doch die Wertschätzung von Schönheit umso größer, je mehr Hässlichkeit man gesehen hat.
Und den Raum, den Dante erschaffen hat, könnte nicht von größerer Schönheit und Harmonie geprägt sein: Wesen mit goldenen Flügeln, die ringelreihend auf Wolken tanzen, singen und sorglos im Orbit schweben. Im Zentrum ist eine prachtvolle Rose fixiert, die offenbar von Engeln, die in ihrem emsig-gemeinschaftlichen Tun an Bienen erinnern, bestäubt wird und deren Kraftquelle zugleich ist. Jeder stirbt für sich allein, ist offenbar keine Aussage, der Dante zugestimmt hätte. Einsamkeit verspürt offenbar niemand in seinem Todesparadies. Es scheint lebendiger als jemals zuvor. Was für eine Verschwendung.
Die sorglosen Gesichter der Engel sind rot vom Erleben vollkommener Selbstwirksamkeit und Freude. Was will man mehr? Alles erstrahlt im Spiegel der ewigen sonnenartigen Lichtquelle ganz oben in der Mitte, die überraschender- und glücklicherweise für das 14. Jahrhundert kein tattriger, alter Mann mit Bart, sondern eher eine göttliche Energie ist. Und alles, Mensch, Tier und Natur ist in einem symbiotisch anmutenden ewigen Kreislauf in gegenseitig reflektierender Liebe miteinander verbunden. Eine Utopie, die auch 600 Jahre später noch den einen oder anderen Disneyfilm inspiriert und sicher nicht mit der aktuellen Klimapolitik einhergeht.
Anscheinend gibt es aber auch im Himmel eine Hackordnung, denn die heiligen Engel sind in verschiedenen Stufen, je nach Bedeutung ihres Verdienstes, angesiedelt. Selbst im Tode muss man also noch arbeiten, aber gut. Irgendeinen Zweck braucht der Mensch vielleicht immer, um sich wirksam zu fühlen. Wer und wie auch immer diese Hierarchie genau zugeordnet wird, bleibt unklar, aber Ordnung muss anscheinend auch im Jenseits herrschen. Bemerkenswert finde ich an dieser Stelle das Verhältnis zwischen Dante und Beatrice, die von hoch oben der dritten Stufe auf ihn niederstrahlt. Demütig schaut er zu ihr hinauf und nennt sie seine Herrin, was mir überraschend fortschrittlich für die damalige Zeit erscheint.
Der liebe Bernhard legt Dante in väterlicher Manier (der alte Mann darf eben doch nicht fehlen) die Hand auf die Schulter und weist ihn in die folgenden Schritte ein: Bevor es den göttlichen Lichtstrahl hochgeht, darf sich nochmal kurz am Garten erfreut werden. Süß. Du kannst die Schönheit nicht sehen, wenn du immer nur nach unten schaust. Wie wahr und wie bedeutungsvoll. Nur wer offen für Schönheit ist, kann sie auch empfangen. Nur wer Ziele hat, kann sie auch erreichen.
Und so sollte man meiner Meinung nach auch diesen Text begreifen: Als ein anzustrebendes Ideal des gesellschaftlichen Miteinanders. Es ist die Vision einer harmonischen Gemeinschaft von Mensch und Natur. Was als naive Hippie-Fantasie abgetan werden könnte, birgt ein zutiefst menschliches Bedürfnis nach der Erfahrung von Selbstwirksamkeit innerhalb einer Gruppe, die durch gemeinsame Werte und von einer verbindenden Vision angetrieben wird und freiwillig versucht, die Welt zum Besseren zu verändern. Selbstverständlich ist Dantes Vorstellung des Paradieses nicht real und wird es vermutlich auch nie werden. Es ist Poesie. Und die übertrifft das „richtige“ Leben ohnehin immer.
Für mich geht es auch nicht um ein Leben nach dem Tod, sondern vielmehr darum, wie wir heute versuchen können unser eigenes Paradies im Hier und Jetzt zu schaffen. Letztendlich sind wir doch alle Schöpfer unseres Ichs und des eigenen Lebens und damit auch zugleich der Welt. Ob es ein Paradies wird, ist unsere Verantwortung und es ist sicher eine Utopie, aber im Streben nach einem Ideal liegt eine tiefe Inspiration.
Vermutlich kommen wir also nicht in den Himmel, selbst wenn wir versuchen gut zu sein, aber danach streben können wir ja gleichwohl und zumindest durch die Entwicklung unseres Selbst versuchen, die Welt ein kleines bisschen zu verbessern. Und um es außerdem mit den Worten des Priesters aus fleabag zu beenden: Why would you believe in something so awful when you can believe in something wonderful?
Jessica Fritsche ist als Gymnasiallehrerin für die Fächer Deutsch und Kunst am Franziskanergymnasium Kreuzburg tätig. Während ihres Studiums der Germanistik war sie an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur des Instituts für Literaturwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Gießen tätig und schrieb ihre Examensarbeit zum Thema Romandramatisierungen der Holocaustliteratur. Sie arbeitete des Weiteren am Institut für Kunstpädagogik an der JLU in Gießen und organisierte eine Studienfahrt nach Wien im Rahmen des kunstgeschichtlichen Seminars Wien um 1900. Ihr hervorzuhebendes und aktuelles künstliches Engagement bestätigt sich in ihrer aktiven Mitgliedschaft innerhalb des Künstlerkollektivs Fluchtpunkt und des Hafenateliers und im Verein Theater der Vielfalt in Hanau. Obgleich sie mit Dante und seiner Divina Commedia bisher nicht in Berührung gekommen ist, schafft sie es, dem italienischen Autor und seinem Canto XXXI aus dem Paradiso auf kreative Weise näherzukommen und eine persönliche Schnittstelle zwischen Text und künstliche Adaption herzustellen.